Eine Auswahl von Besprechungen, die zu Büchern aus dem Karin Fischer Verlag in Zeitschriften, Zeitungen etc. erschienen sind.
Ein in jeder Weise instruktives Buch, das als Einführung in Werk und Schaffen Dietrich Bohnhoeffers gedacht ist, ist hier vorzustellen. Der Autor Heinrich Jürgenbehring (Jg. 1937) hat lange Jahre zunächst als Gemeindediakon im Münsterland, dann nach dem Theologiestudium als Gemeindepfarrer in Bielefeld, schließlich als Ausbildungsleiter der Diakonenschule in Witten und Lehrbeauftragter der EFH Bochum gearbeitet, ein Mann also, in dem sich »Gemeindepraxis und Lehre/Forschung« bereits in seinem Berufsleben wie selbstverständlich verbinden. So ist auch sein Buch angelegt und zu lesen, leicht fassbar, stets um Konkretion von Bonhoeffers Gedanken in die gegenwärtige Wirklichkeit hinein bemüht, den Leser immer im Blick behalten, dabei nicht auf die sorgfältige und präzise Darstellung der manchmal nicht ganz leichten Gedankengänge des akademischen Bonhoeffer (was vor allem seine frühen Arbeiten anbetrifft) verzichtend. Eine wirklich gute Einführung in das gesamte Schaffen Bonhoeffers …
zeigen... sowohl für den, der schon einigermaßen orientiert ist und das Vertraute noch einmal in anderen Zusammenhängen lesen will, als auch für den, der sich – sowohl als Fach-Theologie wie auch als sog. ›Laie‹ – neu einen Zugang zu Bonhoeffer schaffen will. Er widmet sein Buch den »Studierenden« in der Diakonenausbildung und der Fachhochschule. Mit dieser Widmung wird deutlich, dass er auf leicht lesbare Weise ohne einen allzu großen wissenschaftliche Apparat jungen Menschen (und sicher auch älteren) Bonhoeffer (neu) nahe bringen will. Ein Buch also, auf der Schwelle zwischen wissenschaftlicher Bonhoeffer-Forschung und praktischem Gemeindealltag. Der Titel des Buches (gleichzeitig für den Autor das Zentrale des Schaffen Bonhoeffers) »Christus für uns heute« weist darauf hin, so dass er immer wieder an Bonhoeffers zentrale Frage erinnert, wer Christus eigentlich für uns heute ist (vgl. z.B. S. 207ff.)
II. »Lesen – interpretieren – weiterdenken« von Bonhoeffer lautet der Untertitel. An erster Stelle steht für den Autor zunächst das gewissenhafte Lesen. Dabei geht es um die kenntnisreiche Auswahl von Texten, die dem Autor durchaus gelungen ist, auch wenn die recht spärlich zurate gezogene Sekundärliteratur nicht immer auf dem neuesten Stand ist. Das mag man unter formal wissenschatlichen Gesichtspunkten bedauern, mindert aber den Informationswert des Buches keinesfalls. Denn durch den weitgehenden Verzicht auf eine akademische Fachdebatte wird das Buch leichter und schneller lesbar. Insofern kann es sogar als verlässliches Nachschlagewerk für bestimmte Themenbereiche Bonhoeffers benutzt werden.
Im 1. Teil des Buches, »Einblicke – das Werk« genannt (S. 13–155), werden die wichtigsten Schriften Bonhoeffers kenntnisreich vorgestellt:
– seine Dissertation »Sancotorum Communio – eine dogmatische Untersuchung zur Soziologie der Kirche«,
– seine Habil-Schrift »Akt und Sein«, die für jedermann/frau sehr mühsam zu lesen ist, weil die hochwissenschaftliche formalisierte Sprache Bonhoeffers vom Leser ein recht hohes Abstraktionsvermögen verlangt. Hier wird sie jedoch vom Autor wirklich gut nachvollziehbar in knappen holzschnittartigen Zügen vorgestellt und mit dem Untertitel versehen: »Wie Gottes Offenbarung und Glaube zusammenkommen«. Die Grundaussage: es geht nicht um die Alternative »Akt oder Sein«, sondern im Offenbarungsgeschehen Christi um ein erfülltes »Akt und Sein«, mit der Spitzenaussage »Gottes Sein ist sein Personsein« (S. 31),
– dann »Schöpfung und Fall«, die »Nachfolge«, das »Gemeinsame Leben«,
– und vor allem die »Ethik«, die quantitativ (ca. 70 Seiten Darstellung) unter dem Motto »Verantwortetes Christentum« (Stichworte: Christuswirklichkeit – die Mandate – das Letzte und das Vorletzte – das leibliche Leben – Erneuerung von Kirche und Welt – das Wort der Kirche an die Welt) und auch von der Intention des Verfassers her im Mittelpunkt der Darstellung steht.
– Die »Einblicke« schließen ab mit »Die letzte Zeit – Tegel und eine neue Theologie«. Dieser Abschnitt ist leider etwas kurz geraten, ist doch Bonhoeffer dem breiten Publikum vor allem aus seinen Briefen aus dem Gefängnis bekannt geworden. Die sog. »Tegeler Theologie« hätte es verdient, auf Kontinuität und Diskontinuität zu den Frühschriften Bonhoeffers hin intensiver befragt zu werden. Das bleibt dem/r Leser/in überlassen, die zurück und nach vorn blättern.
Im 2. Teil des Buches, »Durchblicke – Themen« genannt (S. 156–207), werden in sehr knapper Form einzelne Themenbereiche (1. Der Frieden, 2. Die Juden, 3. Die Kirche, 4. Der Widerstand, 5. Bibelverständnis, 6. Die Christologie) in sich geschlossen dargestellt. Es bleibt nicht aus, dass der Verfasser – wie er auch selbst mehrmals betont – auf früher Gesagtes zurückgreifen muss und eben auch will. Das ist für den Leser auch nicht weiter schlimm, er kann das vorher Gelesene noch einmal in einem anderen – jetzt eben thematisch gebündelten – Zusammenhang lesen und neu zu verstehen versuchen. Das gilt besonders für die Themenbereiche »Kirche« (vom Erstlingswerk »sanctorum communio« hin zur »Kirche für andere« in der Tegeler Zeit, Kontinuität und Neuansatz werden gut heraus gearbeitet) und natürlich für Bonhoeffers zentrale Frage der »Christologie« (»Wer ist Christus für uns heute?«).
Kann also der 1. Teil des Buches als chronologischer »Längsschnitt« durch das Werk Bonhoeffers verstanden werden, so sind die »Druchblicke« im 2. Teil ein knapper »Querschnitt« der wichtigsten Themen, ein knapper, manchmal allerdings allzu knapper, denn für jedes Thema stehen gerade einmal 10–15 Seiten zu Verfügung. Dass es dabei zu holzschnittartigen Zuspitzungen kommen muss, versteht sich von selbst. Mein Eindruck ist allerdings: Diese Zuspitzungen führen kaum zu Verkürzungen des Anliegens Bonhoeffers, sondern bringen es in einfacher Sprache auf den Punkt. Insofern sind diese Zuspitzungen auch für den nicht Bonhoeffer-Kundigen durchaus verlässlich.
Schließlich wird in einem kürzeren 3. Teil, »Entsprechungen – Dialoge« genannt (S. 217–235), nach Gesprächspartnern Bonhoeffers gefragt, die nach Tillichs »Korrelationsmethode« einen Dialog in Form von »Entsprechung und Widerspruch« (dabei ohne jede Konfrontation) zwischen Bonhoeffers Positionen und anderen Positionen ermöglichen. Nietzsche, Freud und Camus werden vom Verfasser als Dialog-Partner beispielhaft genannt. Es hätten natürlich auch andere sein können, wie vom Autor in seiner Vorbemerkung (S. 218) auch zugestanden. Dies ist nützlich zu lesen, wenn der Leser/die Leserin dabei nach eigenen Dialogpartnern sucht, sich also anregen lässt, nun selbst und vor allem selbständig »weiterzudenken«, wie der Untertitel des Buches nahe legt. Es kann, aber muss ja nicht Nietzsche oder Freud sein, es kann z.B. auch Karl Marx oder Hermann Hesse oder auch Paul Celan (der würde z.B. mir als jüdischer Dialogpartner Bonhoeffers nahe liegen) sein.
III. Insgesamt also ein nicht nur kenntnisreiches, leicht verständliches, fast vollständiges Buch über Bonhoeffer, sondern vor allem auch ein anregendes Buch, bei dem man oftmals innehält, die Gedanken nicht etwa abschweifen lässt, sondern wo man das Gesagte/Geschriebene auf sich wirken lässt, weiterdenkt und versucht in die eigene Situation (gesellschaftlich-theologisch) zu übertragen. Insofern auch ein sehr konkretes und aktuelles Buch, z.B. wenn man im in der ruhig-präzisen Darstellung der »Tegeler Theologie« der »Kirche für andere« auf einmal den Satz liest: »Statt dessen (erg. Bonhoeffers Ansatz) erleben wir (heute) weithin eine verbürgerlichte Kirche, die niemandem wehtun will und deren bisweilen geäußerten kritischen Worte zu gesellschaftlichen Fragen nicht verfangen, weil die Existenz dieser Kirche ihrem Worten widerspricht« (S. 155) – oder wenn man im Abschnitt über die Christologie (wo Wer- und Wie-Frage akademisch hin und her gewendet werden) auf einmal liest: »Jesus ist der ›exemplarische Mensch‹, Bruder und Freund, in dem Gott begegne. Mit der Wer-Frage aber ist auf den ›Mehrwert‹, den ›Überschuss‹ in dieser Menschlichkeit verwiesen, darauf dass der Nazarener in dieser Welt Gott ›ereignet‹« (S. 213f.). Sätze , die unmittelbar dazu auffordern, sich selbst der Frage zu stellen, wer denn dieser Nazarener für mich heute ganz konkret ist. Ist er für mich das Zentrum meines Glaubens, wie er es für Bonhoeffer (der in Jesus mit-leidende Gott – der Gott, der an uns leidet – der Gott, der für uns leidet) war.
Es soll am Ende nicht verhehlt werden, dass gelegentlich manche »Übertragungen« und Anregungen zum »Weiterdenken« zu kurz greifen und nicht voll überzeugen können. Ich nenne, um konkret zu bleiben, nur zwei Beispiele:
1. Ob Bonhoeffer z.B. bei seinem Diktum von der »nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe« wirklich eine »narrative Theologie« vor Augen hat, scheint mir zu kurz gegriffen zu sein. Das hieße: Statt in dogmatischer Begrifflichkeit die Heilsereignisse des Glaubens, wie es in den Evangelien weithin geschieht, einfach nacherzählen: »die Begriffe in Geschichten zurück übersetzen« (S. 153) – »der Weg Jesu von der Krippe bis zum Kreuz wäre zu erzählen« (S. 214). Bonhoeffers Andeutungen zu dieser Problematik weisen auf ein viel tieferes existenzielles Problem hin, wie nämlich unser ganzes Leben – unser Denken und Glauben und Handeln in eins – zu einer nichtreligiösen Interpretation der Schöpfung Gottes und des Menschen werden kann.
2. Um ein weiteres Thema zu nennen, bei dem die knappen Andeutungen des Autors das Problem noch nicht ausreichend durchdringen: In der sehr komprimierten Darstellung der Äußerungen Bonhoeffers zur sog. Judenfrage werden zwar völlig korrekt Bonhoeffers Spitzenaussagen zitiert bis hin zu zentralen kirchenpolitischen und theologischen Aussagen wie »Darum gibt es einer Kirche gegenüber, die den Arierparagraphen in dieser radikalen Form durchführt, nur noch einen Dienst an der Wahrheit, nämlich den Austritt. Dies ist der letzte Akt der Solidarität mit meiner Kirche« (S. 171) und »Der Jude hält die Christusfrage offen… Eine Verstoßung der Juden… muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen« (S. 168). Die revolutionäre Sprengkraft solcher Sätze – nicht nur in der damaligen Zeit, sondern auch noch heute – wird jedoch nicht weiter bedacht. Hier bleibt es beim (bloßen) Lesen, also Rezitieren, ohne Interpretation und natürlich auch ohne Weiterdenken. Schade. Denn was bedeutet es für uns heute: In einem Akt der Solidarität, als einen Dienst an der Kirche, aus der Kirche auszutreten? Und was bedeutet es heute: »Der Jude hält die Christusfrage offen«? Heute immer noch? Sind wir heute inzwischen weiter als Bonhoeffer es vor 70 Jahren war? Und vor allem: Wieso hält ›der Jude‹ die Christusfrage offen?
Hier und an manch anderen Stellen hätte man sich gern ein tieferes Weiterdenken gewünscht, keine eindeutigen Antworten, aber doch Hinweise darauf, wie der Leser das Gelesene für sich weiter entwickeln kann.
Das alles schmälert aber nichts daran, wie hoffentlich die Gesamtwürdigung gezeigt hat, dass diese ganz praktische und zugleich präzise theologische Einführung in Werk und Schaffen Bonhoeffers zum Kaufen, Lesen, Weiterdenken, vielleicht gar als Grundlage für ein Bonhoeffer-Seminar (zum Kirchenverständnis, zur Christologie, zur Ethik) ohne Einschränkungen empfohlen werden kann..
»Verliebtsein ist wunderbare Energie«, sagt Barbara Wolfart. Die Kemptener Künstlerin hat sich in Wort und Bild der Liebe angenommen und ein feines, ungewöhnliches Buch veröffentlicht: In »gedankenspielerisch« hat sie »44 Vierzeiler über die Liebe« 44 Bildern gegenübergestellt.
zeigenEs ist ein luftiges Werk, das mal einen heiteren, ausgelassenen Ton anschlägt, mal einen zärtlich-liebevollen. Aber auch verträumte, melancholische Gedanken finden sich: »Mondlos verschleiert hat die Nacht / sich meine Sehnsucht ausgedacht / wiegt mich sanft in warmen weiten / Armen längst vergangener Zeiten«. In den letzten Jahren hat Barbara Wolfart ihre künstlerische Arbeit meist unter ein Thema gestellt: 2008 war es Michelangelos berühmte David-Statue. Ihre persönliche Bestandsaufnahme schlug sich in dem Buch »Monologe mit David« nieder (mit Fotografien von Ulla Mayer-Raichle und Karl Pfenninger). 2009 veröffentlichte sie mit dem Kemptener Zeichner Wolfgang Steinmeyer »Das Herz verstolpert – 33 Vierzeiler Stolpersteingedichte«. Nun also dreht sich alles um die Liebe. »Sie ist ein lebenslanges Thema«, sagt die Kemptenerin. In ihrem aktuellen Werk hat sie ihre Gedichten listig mit eigenen Bildern kombiniert beziehungsweise kontrastiert. Das heißt, genauer gesagt handelt es sich dabei um Ausschnitte aus 80 mal 100 Zentimeter großen Malereien und Collagen. Diese acht mal acht Zentimeter kleinen, quadratischen Bildkompositionen wirken wie eigenständige Werke. Und in der Kombination mit den auf der anderen Seite abgedruckten rhythmisierten Vierzeilern zu intensiverer Auseinandersetzung. »In diesen Vierzeilern kann man Gedanken kompakt unterbringen«, betont Barbara Wolfart. Doch bei aller sprachlicher Reduktion ist ihr eines wichtig: »Der Rhythmus muss stimmen.« Dies ist ihr zweifellos in vielen der 44 Gedichte auch gelungen. Und davon träumen wohl viele Autoren: Gleich zwei auf Lyrik spezialisierte Verlage wollten Wolfarts Buch drucken. Am Ende hat sie sich für den Karin Fischer Verlag aus Aachen entschieden, der den Band in seiner Edition »Das Künstlerbuch« herausgebracht hat. Laut Wolfart wurde das Buch nun sogar von einer Kommission des Börsenvereins des deutschen Buchhandels für die Sonderschau »Fotografie und Kunst« auf der Karlsruher Bücherschau (11. November bis 5. Dezember) ausgewählt..
2006: Ein Prozess vor dem Landgericht Kempten gegen einen Krankenpfleger erschüttert die Öffentlichkeit. Der Angeklagte tötete 28 Patienten, ohne dass die Klinikleitung es bemerkte. Inspiriert von diesem Fall hat Ulrich Bräuel die Romanfigur des Pflegers Klaus Wallmann erfunden, dem es ebenfalls gelingt, seine Krankenhausmorde vor Ärzten und Kollegen zu verheimlichen
zeigenBräuel schildert das grausame Schicksal der Opfer und die absurde Psyche ihres Mörders, der in seiner Umgebung als hervorragende Fachkraft und unbedingt vertrauenswürdig geschätzt wird. Der Roman gipfelt im tiefgreifenden Gewissenskonflikt eines jungen Priesters, der an das Beichtgeheimnis gebunden ist..
In dem kürzlich erschienenen Erinnerungsband »Weite Wege. Aus dem zweiten Leben eines alten Mannes« berichtet Udo Kollatz, 1931 in Königsberg geboren, über die Zeit nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst. Dabei erzählt er von Reisen und Aufgaben als Rechtsanwalt, die ihn in viele Länder der Welt, z.B. nach Peru, Mosambik, in die DDR, nach Russland oder Lettland, führten. Auf vergnügliche Weise, aber im Unterton stets kritisch, beschreibt er markante Ereignisse, die ihm nach all den Jahren im Gedächtnis geblieben sind.
zeigenEr schildert alltägliche Situationen, so manche Schwierigkeiten sowie wirtschaftliche, politische oder soziale Zustände seiner Zielländer. Dabei liegt der Wert des Buches nicht in einer vollständig chronologischen Erfassung und Aufzeichnung einzelner Lebensstationen, »sondern in der Darstellung von Erlebtem, in der Schilderung von Zusammenhängen und Entwicklungen, Beobachtungen und charakteristischen Episoden«. Besonders eindrucksvoll für uns sind dabei die Beschreibungen über das Kaliningrad der neunziger Jahre. Udo Kollatz beurteilt skeptisch die sowjetische Stadtarchitektur, das politische System Russlands oder die seiner Meinung nach anfangs verfehlten Bemühungen, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein Demokratie aufzubauen. Nebenbei veranschaulicht er aber auch interkulturelle Probleme zwischen ausländischen und russischen Geschäftspartnern. Dabei schwingt stets Ironie mit, was diese Autobiographie sehr lesenswert macht – neben einer bemerkenswerten Sprache, die man von einem Juristen doch etwas trockener erwartet hätte. Fazit: Ein gut geschriebenes Stück Lebensgeschichte und eine interessante Reise durch drei Jahrzehnte und Länder voller Aufbruchstimmung und so manchem gescheiterten Vorhaben. Ideal dazu geeignet, seine eigene Meinung bestätigt zu wissen oder aber anhand der Schilderungen zu ändern. »Anderes gilt oft als absurd. Doch was vom Geläufigen abweicht, muss deshalb ja nicht abartig, nicht zwangsläufig schwächer oder gar schlechter sein. Es ist eben nur anders […] Ich will hier vor allem berichten und nicht bewerten. Aus den Fakten kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen, sich selbst ein Urteil bilden.«.
Was bedeuten die Schriften des Theologen Dietrich Bonhoeffers heute? Wie kann man seine Gedanken zur Ökumene, seine ethischen Grundansätze und seine Vorstellung von einer modernen Kirche im 21. Jahrhundert verstehen? Wer ist Christus für die Menschen unserer Zeit?
zeigenMit diesen und anderen Fragen hat sich Heinrich Jürgenbehring in seinem Ende vergangenen Jahres erschienenen Buch auseinandergesetzt. Auf 272 Seiten analysiert und interpretiert er die Reden, Vorlesungen und Schriften des großen Denkers, auch vor dem Hintergrund des damaligen Nazi-Regimes. Heinrich Jürgenbehring – Jahrgang 1939 – war Diakon und veröffentlichte mehrere Bücher und Gedichtsammlungen..
»Ich bin mir bewusst, dass ich ein Aussenseiter bin und dass meine Art von Literatur nicht von der gängigsten Art ist.« Wer sich und seine literarische Arbeit bewusst abseits des Mainstreams verortet, weckt zumindest eine gewisse Neugier auf überraschende Lesereisen durch wenig befahrene Nebenarme des grossen Literaturflusses. Der 64-jährige Oberwalliser Hugo Sarbach, der im Schweizerischen Literaturarchiv unter anderem die Nachlässe von Ludwig Hohl und Paul Nizon betreut, ist als Autor bislang mit einigen Lyrikbänden in Erscheinung getreten.
zeigenKürzlich hat er in einem deutschen Verlag »Das aufgeschlagene Buch« veröffentlicht, eine meist aphoristisch verdichtete, zwischen privaten Notaten und Reflexionen sowie öffentlichen Ereignissen (Epochenumbruch 1989 und die Folgen) pendelnde Chronik, die er selber als »Vermächtnis« und Dokument seiner »Teilnahme an der Welt« bezeichnet. Dieser so gewobene »Teppich ohne Ende« lebt vom mehr oder weniger virtuos arrangierten Spannungsverhältnis zwischen Ich und Welt, Alltag und Zeitgeschichte. In einem Eintrag formuliert der Autor, was bei diesem literarischen Verfahren angestrebt wird: »Assoziatives Denken. Etwas und wieder etwas entzündet sich und bildet eine Leuchtspur.« Diese überraschende Einsichten provozierende Kollision findet leider bei Sarbach allzu selten statt, die Reflexionen über das Rätsel Frau, die als Sexualpartnerin und Gefährtin ebenso begehrt wie gefürchtet wird (»Immer wenn eine Frau wichtig wurde für mich, geriet mein Leben aus den Fugen«), stehen oft etwas unvermittelt neben dem Trost spendenden Festhalten von Naturschönheiten (etwa der »schnurgeraden Linie des Morgennebels über dem Tal« oder den »talwärts ergrauenden Gletscher voller Runzeln«) und dem lakonischen Protokollstil weltpolitischer Ereignisse (»In Burma schlägt die Junta einen Volksaufstand blutig nieder«). Dem Eindruck einer etwas schwerblütigen und mitunter forciert bedeutungsschwangeren Sammlung von Magazin hätte die stärkere Betonung des durchaus vorhandenen Humors – in der Verzweiflung – durchaus entgegenwirken können. Auch den Gang der Dinge in der Schweiz von der Fichenaffäre bis zur »Selbstausgrenzung« des Landes in Europa kommentiert der Zeitgenosse Sarbach mit einem auf die Dauer etwas monotonen Gestus der Ernüchterung. Umso schöner in seiner Ironie dann dieser Eintrag: »Das Universum soll seit 13,4 Milliarden Jahren bestehen. Das war, noch bevor die Schweizer Uhrmacher wurden.«
Er betrachte dieses Buch »ein bisschen als ›Opus magnum‹«, sagt der Oberwalliser Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hugo Sarbach über sein neues Werk »Das aufgeschlagene Buch. Von 1988 bis 2007«. 440 Seiten stark ist das Buch, das kürzlich beim Karin Fischer Verlag erschien. Der Autor charakterisiert es als »ein Nebeneinander, Miteinander, Ineinander und Nacheinander von Einzeldingen, wahrgenommen aus Natur, Kunst und Landschaften, Zeiten, Orten, Innenleben und Zeitgeschehen, Reisen und anderem mehr, gewoben zu einem Teppich ohne Ende«.
zeigenDas Spannungsfeld zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Eigenerlebtem und Zeitgeschehen führt Regie in diesem Buch, das zwischen Aussen- und Innenwelt keinen Trennstrich setzt.
»Das aufgeschlagene Buch« vermag an ein Tagebuch zu erinnern, will jedoch nicht als solches verstanden werden. »Weil es um den sprachlichen Ausdruck an sich geht«, wie Hugo Sarbach meint.
»Erleben und Nachdenklichkeit«
Thematisch setzt »Das aufgeschlagene Buch« den »Merkwürdigen Sommer 87« fort, also jenes Werk, das Hugo Sarbach 1994 veröffentlichte. Reisen nach Rom und Sardinien bilden Thema, es folgt eine Krisenzeit, welche die glückliche Zeit des »merk-würdigen Sommers« besiegelt. Fortan ist der Ich-Erzähler ein Pendler zwischen verschiedenen Orten und Zeiten. Hauptthema bildet eine Liebesbeziehung, welche er als einmalig erlebt, die jedoch nach einer Reihe von Krisen und Unfällen in die Brüche geht.
Parallel zu diesen Erlebnissen spielen sich die »grossen Ereignisse« in Osteuropa Ende der 1980er-Jahre ab, zur Sprache kommen auch jene Weltgeschehnisse, die den Erzähler betroffen machen. Nicht zu vergessen die Nachrichten vom Tode dieser oder jener Grösse, die dem Erzähler jeweils zusetzen.
»Es fliesst vieles herein und kommt wieder heraus, belebt vom Erleben und der Nachdenklichkeit der eigenen Person«, bemerkt Hugo Sarbach.
»Als Erlebnis, nicht als Geschichte«
»Vieles kam, ohne dass ich es suchte, oft kamen die Worte wie von selbst«, berichtet der Autor über seine Arbeit für dieses Buch. Warum er denn bei all den verschiedenen Gegebenheiten auf Datumsangaben verzichtet?
»Weil ich die dargestellten Geschehnisse, Erlebnisse, Vorkommnisse oder Bilder als Erlebnis verstehe und nicht als Geschichte«, begründe er dies und fährt fort: »Ein jeder Tag, wie er wahrgenommen wird über Jahre, ist die Hauptperson, es geht um das Erleben des Tages und der Stunde.« Was heisst, dass dem Autor Wahrnehmen und Verarbeiten von Unmittelbarkeit wichtig sind.
»Nicht im Mainstream, sondern …«
An seinem neuen Werk habe er lange gearbeitet, es liege ihm am Herzen und »ich gebe mich selbst im Buch als erlebendes Wesen«, berichtet Hugo Sarbach. Gehalten ist das Werk in einer Sprache, die knapp und verdichtend daherkommt wie die Lyrik, die Hugo Sarbach in den letzten 25 Jahren veröffentlichte.
Wie der 64-jährige Autor aus St. Niklaus sich selbst sieht?
»Ich bin mir bewusst, dass ich ein Aussenseiter bin und dass meine Art von Literatur nicht von der gängigsten Art ist«, findet er und zeig sich dennoch zuversichtlich:
»Dass mein Buch nicht im Mainstream schwimmt, sondern eher dagegen, könnte aber auch seine Chance sein auf dem Markt.«
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die beschlossen, ein Kind zu bekommen. Er, Jahrgang 1972, heißt Tom Feibner, studierte Medienwissenschaft, Kommunikationsforschung und Musikwissenschaft und arbeitet bei einem IT-Dienstleistungsunternehmen. Außerdem ist er freiberuflicher Autor und Musiker und der »Baby-Alarm!« seine erste Buchveröffentlichung. »Was hältst du davon, wenn wir ab jetzt nicht mehr verhüten?«, fragt sie an einem nasskalten Abend im Februar auf einem Parkplatz eines Schnellimbisses. Ein Satz, ein Anfang für ein Abenteuer und die Überprüfung der Frage, ob männlich gleich Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen zeitgemäß oder doch überholt ist. Oder anders gefragt: Wenn das mit dem Kind zeugen aus Gründen, die beim Mann zu suchen sind, nicht klappt, ist er dann immer noch ein Mann?
zeigenUnd wie erlebt Mann die Gedanken und Gefühle rund um die eigene Infertilität, den Kinderwunsch und die Kinderwunschbehandlung?
Tom Feibner bricht in seinem Erstlingswerk ein Tabu. Gottlob, wissen doch immer noch die wenigsten Patienten und Patientinnen über die Tatsache Bescheid, dass ungewollte Kinderlosigkeit zu gleichen Teilen entweder beim Mann oder der Frau oder im Rest der Fälle bei beiden zugleich ihre Ursache hat. Nur: Sieht der Alltag in Klinik und Praxis ebenso gleichberechtigt für die Patienten aus, wie Kinderkriegen Sache des Paares und nicht nur eines Partners ist? Wie wird der Mann im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung betreut und in den jeweiligen Behandlungsschritt mit einbezogen? Und wo herrscht hier von der Praxis bis zum Kinderwunschzentrum Nachholbedarf?
Kinderwunsch ist Partnersache
Angefangen von der Formulierung des Kinderwunsches, über Kapitel wie »Schwanger für Dummies«, »Besuch beim Urologen« bis hin zu »Neuer Monat, neues Leben« nimmt der Autor seine Leserinnen und Leser mit auf Lebensreise und öffnet – ob für Mann, Frau und/oder Mediziner(in) – die Welt rund um alle emotionalen sowie körperlichen Höhen und Tiefen in der Kinderwunschzeit auf eine erfrischende und wohltuend offenherzige Art und Weise. Die künstliche Befruchtung aus Sicht eines Mannes erzählt auch über die Einsamkeit im Samen-Spender-Zimmer, außerdem anschaulich und im männlichen Jargon vom Gynäkologenmechaniker, der Schadensbegutachtung bis hin zur kompletten Kfz-Lederausstattung statt des egoistischen Wir-wollen-ein-Baby-Programms. Und ganz nebenbei erläutert Tom Feibner die Komplexität der Reproduktionsbiologie.
Fazit:
»Baby-Alarm!« ist mehr als Roman und Biografie in einem. Die Geschichte von Kinderwunschpatient Feibner ist auch nicht nur eine Geschichte für alle Männer, die Kinder zeugen wollen. Es ist eine Geschichte und ein Handbuch sowohl für IHN als auch für SIE und für alle Medizinerinnen und Mediziner, für die eine Kinderwunschbehandlung und die dazugehörige Beratung immer eine Sache mit dem jeweiligen Paar und nicht nur einem der Partner sein sollte..
Pierre Pouthier legt nach seinen eindrucksvollen und anrührenden »Liebesgedichten« von 2007 einen weiteren schmalen Lyrikband vor – im Einband wieder sehr dezent und ansprechend gestaltet.
zeigenDer Titel »Schmerzkristalle« – eine klare Thematik. Schmerz kann niederziehen, verdunkeln, lähmen. Ein Schmerz, der sich zum Kristall verwandelt, hat all diese Stadien hinter sich gelassen. Geblieben ist ein Extrakt von größter Kostbarkeit – im Urbild des lichtbrechenden Kristalls ist er ohne Eigenfarbe und durchschimmernd und doch von eigener Struktur. Es ist Sinnbild eines Entwicklungswegs, auf dem alle Egofarben und Egotrübungen verblassen und eine Ich-Struktur bleibt, die in eigener Art mit dem Kosmos und seinem Licht korrespondiert.
»Im Innenraum Stille«
Diesen Prozess der Reduzierung findet man bei Poutier bereits in der Sprache. Sie ist schnörkellos, manchmal fast karg. Ihr Ideal scheint zu sein, mit dem geringsten Aufwand auszukommen – man könnte sagen: selbst kristallin zu werden. »Im Innenraum Stille / beginnen Gesichter zu leuchten … // Im Zusammenklang aller Worte / strahlt mein eigenes Wort … // Im Innenraum Stille / wird Ich zum Du.«
Auf diesem Weg entwickelt sich eine eigene poetische Schönheit, keine der lauten Worte und keine der üppigen, gar grellen Farben. Immer wieder auch schimmert der christliche Leidensweg durch, wie diese Gedichte insgesamt auf einem deutlichen christlichen Hintergrund zu sehen sind. Ein Buch der Einkehr, das diese Momente als Tore entdeckt, die Welt als ein Verwandelter zu betreten und sie in einem neuen Zauberglanz wahrzunehmen..
(…) In ihren ersten Gedichten ist Johanna Arlt noch eine Suchende und Fragende, inspiriert vom Schöpfungsmythos der Kabbala. Zehn Jahre später haben ihre Gedichte oft etwas Tröstliches und machen Mut, sich dem Göttlichen anzuvertrauen. »Nahrung gibt Dein Wort zu jeder Zeit an jedem Ort« heißt es in wenigen Worten und Zeilen oder ganz einfach »W-Ort Gottes Ort, an dem ich zu Hause bin«.
zeigenJohanna Arlt ist fasziniert von der Sprache und ihren verborgenen Dimensionen. Man kann sich von ihren Gedichten einfach mitnehmen lassen, dem Rhythmus der Worte und Zeilen folgen oder tiefer schauen. Dann entdeckt man die kunstvollen Wortschöpfungen, die immer auch eine doppelte Botschaft haben. Intensiv hat sich Arlt mit den Schriften des jüdischen Mystikers Friedrich Weinreb (1910 bis 1968) beschäftigt und dem »alten Wissen« der »Kabbala«. Die darin versammelten Lehren jüdischer Rabbiner von der Doppelnatur alles Erscheinenden, ihre Zahlenmystik und die hebräische Sprache ist für Arlt eine Quelle der Inspiration. (…).
Einen Gedichtband zu veröffentlichen kostet Mut. Denn der Autor fasst seine Eindrücke, Gedanken und Gefühle in Worte, die möglichst ausdrucksstarke Bilder in den Köpfen der Leser auslösen. Dabei sind Gedichte eine äußerst persönliche – ja fast intime – Form, seinem Inneren Ausdruck zu verleihen. Trotzdem hat Wolfgang Weltle aus Lonsee diesen Weg gewählt, um mit der »Schönheit der deutschen Sprache, ihrer großen Vielfalt und starken Ausdruckskraft« (Umschlagtext) Erlebnisse und Emotionen zu verarbeiten. (...).
zeigenUnd immer wieder erreichen Verse, Strophen oder die Darstellung einer Empfindung das Herz und hinterlassen Spuren in der Seele. Weltle experimentiert mit Worten, erkennt das Schöne im Irdischen, in der Natur. Er gestaltet die Liebe zu seiner Frau, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist, zu einem lyrischen Gemälde. Auf der anderen Seite skizziert der 79-jährige aber auch mal »so nebenher« einen Gedankenblitz. Der ehemalige Gemeindepfarrer setzt sich mit seinem Glauben oder dem Zweifel daran in unterschiedlicher Weise auseinander – verschiedene Phasen seines Lebens scheinen in den Gedichten durchzudringen. Ein Buch zum darin Blättern, Gedanken erkennen und Neues entdecken..
»Kleine Tapser, große Füße, / Möwenspuren prägen Sand. / Längs und schräg und durcheinander / verleihen sie Gesicht dem Sand.« So liest es sich, wenn Marcel Schüttel über den Strand reimt. (...) Mit »Verliebt an der Ostsee« hat er jetzt sein Lyrik-Debüt vorgelegt. Der schmale Band ist in der »Edition Anthrazit« des Deutschen Lyrik-Verlags erschienen.
zeigenEs sind Urlaubsimpressionen aus Darß, von der Halbinsel in der Ostsee, die immer mal wieder in den Gedichten aufblitzen. Etwa in seinem »Gruß von der Ostsee«, in dem er die typische Postkartenprosa imitiert: »Wetter gut, Essen gut. / Ich schaue raus aufs Meer. / Ich sitz im Strandkorb, schreib ’nen Gruß. / Möwen kreisen wild umher.« Leicht wirkt das alles, oft komisch und meistens frisch. Und immer wieder dreht sich Schüttels Poesie um die Liebe, um die aufkeimende, die zerbrochene, die auf den ersten Blick. Das Büchlein schließt mit einem humorvoll gereimten Steckbrief (»Ich über mich«) – eine Selbstbeschreibung im »Manchmal«-Modus: »Manchmal ist’s mit so egal / was andre von mir denken. / Manchmal wünschte ich mir sehnlichst, / die ganze Welt auf mich zu lenken.«.
Dieses Buch, das weitgehend autobiographische Züge trägt, verdient vor allem das Urteil: ein ehrliches Buch. Der Verfasser gehört nicht zu der großen Gruppe der Schriftsteller und Politiker, die seit 1945 verkünden, sie seien stets Widerstandskämpfer gewesen, hätten schon 1939 das schlimme Kriegsende vorausgesehen, wären seit eh und je überzeugte Antinazis gewesen. Vielmehr schildert er (Geburtsjahrgang 1926), wie er und seine Altersgenossen, ja, die große Mehrheit des Volkes, weitgehend ohne Vorbehalte, einem Adolf Hitler und seinem Regime gefolgt sind. Weit entfernt von einem unkritischen Hurra-Patriotismus, schildert er die Ereignisse vor dem Krieg und vor allem während der Kriegszeit so, wie er und mit ihm die Volksmehrheit sie gesehen und bewertet haben.
zeigenHartwig erinnert an die jubelnde Begeisterung z. B. beim Einmarsch der Wehrmacht in Österreich, die Zeit der großen Siege an allen Fronten, dann aber auch an den Schock bei der Tragödie von Stalingrad und den sich mehr und mehr abzeichnenden Zusammenbruch. Dabei baut er persönliche Erlebnisse geschickt in die politisch-militärischen Zusammenhänge ein, so dass seine Arbeit weit mehr als ein (persönliches) Erlebnisbuch ist. Es ist daher alter, mittlerer und junger Generation warm zu empfehlen, nicht zuletzt den Jungen, die nach der Lektüre sicher von manchem Vorurteil und vielen Missverständnissen über die Vergangenheit befreit werden.
Dass es sich lohnt, nicht nur die Gedichte der ganz Großen zu lesen, zeigt eindrucksvoll der Band »Ich hörte einen Ruf«. In ihm hat der Arzt Hans-Peter Meier-Baumgartner knapp 100 Gedichte alter Menschen vereint. Es ist ein stiller, nachdenklicher, oft poetisch zauberhafter Ton der ihm eigen ist.
zeigenVerarbeitet wurden schwerwiegende biografische Ereignisse, der Krieg, Verluste geliebter Menschen, Krankheit, Einsamkeit, das Altwerden. Ein Buch, das es einem nicht einfach macht. Doch ein Lesen lohnt sich. .
Vorgestellt wird u.a. Varnholts in unserem Verlag erschienenes Buch.
zeigenTom Feibner ist unfruchtbar – wie er mit seiner Partnerin trotzdem versucht, ein Kind zu bekommen, erzählt er in seinem Buch »Baby-Alarm!«
zeigenEigentlich sollte es nur ein Tagebuch werden. Mit all den Geschichten, die eben so passieren, wenn ein Mann und eine Frau beschließen, ein Kind zu bekommen. Der erste Schwangerschaftstest, das erste Durchblättern eines Katalogs mit Babyartikeln, der erste Einkauf eines Stramplers. »Das Buch wollte ich meiner Partnerin schenken, wenn das Kind da ist«, sagt der Autor, der sich Tom Feibner nennt. Nachwuchs hat der Zuffenhäuser immer noch keinen. Doch aus dem privaten Tagebuch ist eine öffentliche Erzählung mit autobiographischen Zügen geworden: »Baby-Alarm. Eine Geschichte von einem Mann und einer Frau, die beschlossen, ein Kind zu bekommen.« »Nach dem letzten Versuch einer künstlichen Befruchtung habe ich die Geschichten ein Jahr lang liegen lassen. Dann habe ich alles noch einmal gelesen und dachte, dass es eigentlich schade wäre, daraus nichts zu machen.« Denn so viele Bücher über Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung werden geschrieben – eine Erzählung wie Baby-Alarm fehlte. Auch wenn der Titel vielleicht so klingt, als würde es zu all den anderen Ratgebern gehören. »Als Mann gibt man nicht zu, dass man unfruchtbar ist. Darüber redet man nicht«, erklärt der 37-Jährige die Tatsache, dass sich höchstens Sachbücher zu diesem Thema auf dem Markt finden. Als die Unfruchtbarkeit bei Tom Feibner festgestellt wird, beschließen seine Partnerin und er, es auf dem Weg der künstlichen Befruchtung zu versuchen. Wie diese überhaupt funktioniert, was in der Klinik passiert, was beide dafür auf sich nehmen müssen, welche Gefühle sie dabei empfinden – diesen Vorgängen widmet sich das Buch hauptsächlich. Feibner erzählt seine Geschichte auf eine lockere, humorvolle und sehr kurzweilige Art und Weise. Etwa wird die Entstehung eines Spermiums anschaulich mit der Herstellung eines Automobils verglichen wird. Wenn die Ausstattung des Samenspender-Zimmers detailliert bis zur abgegriffenen Tüte mit den entsprechenden Zeitschriften beschrieben wird. Oder wenn di Medikament so teuer sind, dass der Apotheker nicht nur ein Päckchen Taschentücher, sondern ein Duschgel dazulegt. Trotz der vielen witzigen Begebenheiten oder Dialoge mit seiner Partnerin, den Ärzten oder Arzthelferinnen wird jedoch auch immer wieder klar, dass eine künstliche Befruchtung nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Wenn es darum geht, ob die Krankenkasse die immensen finanziellen Kosten übernimmt. Um die Auswirkungen der Hormone, die sich seine Partnerin spritzen muss. Und natürlich dann, wenn die zwei Versuche nicht klappen und die Trauer ins Haus einzieht. »Sie wollen Kinder zeugen? Lesen Sie dieses Buch!«, fordert der Rückseitentext auf. Warum? »Weil viele das Thema Kinder so angehen, wie wir es getan haben: sie denken, das ist alles ganz einfach. Aber bei vielen klappt es eben nicht gleich. Und die Geschichte zeigt, wie es ausgehen kann.« Tatsächlich dürfte das Buch vor allem diejenigen ansprechen, die gerade mitten in der Kinderplanung stecken und mit dieser ganz neuen Welt konfrontiert werden. Würde Feibner aus heutiger Sicht und trotz seiner Erfahrungen zu einer künstlichen Befruchtung raten? »Ich kann nicht sagen, dass ich diese Methode, schwanger zu werden, ablehne. Es muss jeder selbst entscheiden, ob er sich diese Prozedur antun möchte«, sagt er. Einen weiteren Versuch haben Tom Feibner und seine Partnerin allerdings bisher nicht gestartet: »Wenn wir jetzt spekulieren und planen würden, würde das schon wieder sehr verkrampft werden«, sagt er. Vielmehr hat er aus seiner Geschichte eines gelernt: »Demut vor dem Leben. Wir bekommen jeden Tag so viel in den Schoß gelegt, dass wir uns darüber freuen sollten.« Diese Erkenntnis hat er in den vergangenen Monaten auch selbst versucht umzusetzen: zum Beispiel, indem er mehr schreibt oder Musik macht. »Ich habe vieles hinterfragt in meinem Leben, vieles geändert. Ich bin ein anderer Mensch als vorher.«
Wenn eine Autorin oder ein Autor der »Pastoralblätter« eine Monografie veröffentlicht, dann ist das Anlass, zu danken und darauf hinzuweisen. Es gibt kein Bonhoeffer-Jahr, es gibt auch keinen sonstigen Anlass, ein Bonhoeffer-Buch zu veröffentlichen - es sei denn, ein Mensch habe nach vielen Jahren Begegnung und Auseinandersetzung mit Friedrich Bonhoeffer etwas zu sagen. Das ist so bei unserem Autor Heinrich Jürgenbehring. Ich kann dieses Studienbuch - geschrieben jenseits aller sensationellen Ansicht - nur ganz herzlich empfehlen.
zeigenDer zwischenzeitlich emeritierte Dekan schreibt in seinem Vorwort:»Es war im Jahre 1959. Damals machte ich in Bethel bei Bielefeld eine Ausbildung zum Diakonen. Während der Zeit einer Nachtwache las ich Dietrich Bonhoeffers Widerstand und Ergebung. Gewiss habe ich damals vieles nicht verstanden. Aber ich war zutiefst angerührt von diesem Buch. Jene Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft wirkten erfrischend, befreiend. Weltlichkeit und Diesseitigkeit des Christentums – wo hätte ich so etwas je gehört! Christlicher Glaube, so wähnte ich, hatte mehr mit dem Jenseits als mit dem Diesseits zu tun. Die Zeit auf Erden diente eher der Vorbereitung auf die andere Welt. Fortan ließen Dietrich Bonhoeffer, sein Leben und Werk, nicht zuletzt sein Widerstehen zur Zeit der Naziherrschaft mich nicht mehr los. Ich las (zumal dann im Theologie-Studium) die übrigen Werke Bonhoeffers und auch zum Teil seine Predigten und Vorträge. Jetzt – im Ruhestand – wandte ich mich Bonhoeffer von Neuem zu. So entstand das vorliegende Buch. Lesen – interpretieren – weiterdenken, um diesen Dreiklang soll es gehen. Lesen: Das meint, möglichst genau hinschauen, zu verstehen suchen, was Bonhoeffer gemeint hat. Interpretieren, vom Vorgang des Lesens nicht zu trennen, heißt, Gedanken des Autors aufzunehmen, mit der Frage, wie diese im Zusammenhang seines Lebens und im Kontext anderer theologischer Entwürfe gemeint seien. Weiterdenken: Ich möchte dem Rechnung tragen, dass Bonhoeffers theologische Entwürfe nicht zeitlos sind. Manches ist aus heutiger Sicht eher kritisch zu sehen. So will Bonhoeffer weitergedacht werden – hinein in unsere Zeit. Dabei befinden wir uns auf der Spur des Autors selbst. Wer Christus für uns heute sei, so fragte er, und er schärfte ein, dass Gott immer nur heute Gott ist.«
Es gibt Romane, die auf den ersten Blick gewöhnlich daherkommen. Da ist von einer besonderen Freundschaft die Rede, es werden ein paar Probleme eingestreut, und am Ende sind dann doch alle irgendwie glücklich und um Erfahrungen reicher. Eine solche Erzählung ist auch »Madulain« von Fritz Stieleke – aber eben nur auf den ersten Blick.
zeigenDie Handlung ist rasch erzählt. Protagonist Hans Falter freundet sich mit Mengia an, einer jungen Frau, die aus dem schweizerischen Madulain stammt. Dort wird das rätoromanische Puter, eine klangliche Melange aus Schweizer Deutsch und Chinesisch gesprochen, die nur noch rund 3.600 Sprecher hat. Mengia bringt Falter das Puter bei, und zu den freundschaftlichen Treffen gesellen sich bald noch zwei Kinder, die in Falter ein längst vergangenes Ereignis wachrufen, dem Mengia schließlich auf die Spur kommt. Dem Autor geht es um die Beschreibung von Seelenzuständen So weit, so gut. Doch auch ohne den ganz großen Plot ist »Madulain« ein besonderes Buch, und das vor allem wegen seines ungewöhnlichen Autors. Der 55-jährige Fritz Stieleke hat in Düsseldorf Romanistik und Anglistik studiert, arbeitet seit 1987 als Bibliothekar an der Heine-Uni – und spricht perfekt Puter. In dieser Sprache führt er nicht nur sein Tagebuch, auch die Originalversion von »Madulain« hat er in Puter verfasst, obwohl er insgesamt sieben Sprachen spricht. »1988 habe ich durch Zufall einen Sprachkurs in Laax gemacht und mich in die Sprache verliebt«, erzählt er. Später habe er eine Landkarte des Oberengadin studiert und sei auf den Ort Madulain gestoßen. »Der Klang dieses Wortes wirkte wie ein Zauber auf mich«, sagt Stielike. Passend dazu wird Madulain in seinem Roman denn auch zur Bezeichnung für einen glücklichen, von Dankbarkeit erfüllten Gemütszustand, den der Ich-Erzähler Hans Falter erlebt. Zuweilen kommt die Erzählung eine Spur zu idyllisch daher, und wirklich überraschende Wendungen nimmt sie nicht. Doch das ist letztlich zweitrangig, geht es doch mehr um die Beschreibung von Seelenzuständen als um Story-Telling – und auch Lyrik spielte eine wichtige Rolle. »Ich verbinde gern meine persönlichen Lieblingsgedichte mit dem Leben der Figuren«, sagt Stieleke und lässt deshalb auch Hölderlin und Heine zu Wort kommen Autobiographisch sei seine Erzählung allerdings nicht. »Aber Falters Art zu empfinden ist meiner sehr ähnlich«, sagt Stieleke. »Und natürlich drücke ich in meinem Text auch eigene Wünsche ausd.« Dies tut er in einer wunderschönen Sprache, die mit großer Eleganz Gefühle in Worte zu fassen versteht – sein Schreibstil ist unverbogen und authentisch. »Mir liegen Gesten und Worte der Zärtlichkeit eben am Herzen«, sagt Stieleke. Und eben diese Worte machen »Madulain« zu einer lohnenden Lektüre.
Vorgestellt wurde in einem halbstündigen Interview mit unserem Autor und seiner Partnerin sein in unserem Verlag erschienenes Buch.
zeigenSie war vier Jahre alt, als ihre Tante von einem Besuch in Abu Simbel zurückkehrte und der Familie berückende Geschichten erzählte. »Ich will auch nach Ägypten«, soll Claudia Wädlich damals gesagt haben. Inzwischen hat sie das Land mehrmals bereist und würde stets zurückkehren, auch wenn sie dort schreckliche Dinge erlebt hat. Was ihr 1997 in Luxor passierte, prägt die Gedichte, die sie seitdem schreibt. Nun ist Wädlichs zweiter Lyrikband erschienen.
zeigen»Durch das Schreiben«, sagt die 51-jährige studierte Juristin, »fühlte ich mich aufgefangen. Ich hatte damals einen wahnsinnigen Schock.« Bei dem Anschlag an einer Ausgrabungsstätte, dem mehr als 60 Touristen zu Opfer fielen, war Wädlich in Hörweite. Die Schussgeräusche hätten sie und andere in eine Grabkammer getrieben. Sie erinnere sich, wie der Tempelwächter hinter ihnen vorsorglich die Tür schloss. »Ein entsetzlicher Abgrundsmoment.« Schöpferische Spaziergänge Die etwa 15 Reisenden versteckten sich, bis die »erdrückende Enge« nicht mehr auszuhalten war. Als sie sich ins Freie trauten, war der Alptraum bald vorbei, die meisten Attentäter wurden von der Polizei getötet. »Seitdem habe ich immer wieder ermittelt«, sagt Wädlich, die trotz Bekenntnis einer islamistischen Gruppe an deren Urheberschaft zweifelt und das in ihren Werken anklingen lässt. »Ich wollte politisch mehr aus den Sträuchern kommen«, so Wädlich über ihr zweites Buch. Mit dem Dichten begonnen hat sie 1998, ein Jahr nach den Anschlag. Lyrik-liebend sei sie bereits lange zuvor gewesen, schätzte vor allem Else Lasker-Schüler. »Es merkt ja keiner, versuch' dich doch mal daran«, habe sie irgendwann gedacht und bei Spaziergängen mit ihrem Hund im Kopf die ersten Zeilen geschmiedet. Die Motivation wuchs, zumal Wädlich sich an manch anderer zeitgenössischer Lyrik stößt: »Zu wenig Inhalt, zu wenig gesellschaftliche Analyse.« Die will sie mit ihren Gedichten leisten und gerade Ägypten ließ Wädlich nicht los. Zehn Monate nach dem Attentat war sie wieder da, auf großer Rundreise. Sie sah kleine Hotels, die pleite gegangen waren, sprach mit Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten. Zurzeit sitzt Wädlich übrigens an ihrem ersten Roman – über Ägypten.
Die Josef-Friedrich-Perkonig-Preisträgerin Herma Schotkosky-Storfer schreibt vor allem Mundart-Lyrik, Prosatexte und Hörspiele. Mit der Prosa »Zwillingspaar in einer Person« kehrt sie das Innerste nach außen. Es gibt kein Oben und auch kein Unten. Zwei Köpfe stecken in einem Körper und müssen miteinander klarkommen. Gar nicht so einfach für das Zwillingspaar in einer Person, die nötige Mitte zu finden, welche erlaubt, Glück und Frieden zu erreichen.
zeigenEine drängende Sehnsucht erfüllt ihn, er will fort aus Harzeneck, dem beengenden, steinernen Nest, hin zu einem ihm gemäßen Ort des Friedens, des Glücks, der Entfaltung. Der junge Adolar, im Rathaus beschäftigt als Kopist und Schönschreiber, verlässt die Stadt der Sicherheit, eine Stadt der Festungsbauer, Grabenausheber und Wallaufwerfer, der es ein ums andere Mal gelingt, den anstürmenden Rotten der »Grauen« standzuhalten. Doch Adolar, nur ein Mündel, uneheliches Kind einer Meistertochter und eines unbekannten Barons aus dem Süden, spürte schon lange Fremdheit inmitten der wehrhaften Bürgersleut, er folgt dem Versprechen einer »Welt der Gedanken und Ahnungen, die aus den Büchern aufstieg und doch seine eigene war«. Kein tollkühner Ritter bricht hier auf zur Aventiure, kein argloser Jüngling zieht hinaus und stellt sich den für ihn bestimmten Proben, Antonino Orlando lässt den jungen, belesenen Helden auf die Suche gehen – in einem großartigen Roman, der den Leser ins Märchenhafte entführt, in eine fantastisch anmutende Gegenwart irgendwo zwischen Mittelalter und Neuzeit ein imaginäres Land zwischen Norden und Süden.
zeigenSpannungsreich, mit plastischen Figuren und in nötiger Stilisierung erzählt der aus Italien stammende und seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Germanist die Geschichte Adolars: in einem geschickt komponierten Fantasy-Roman, der unterschiedliche Lebensentwürfe gegeneinanderstellt, der ein Entwicklungs- und Bildungsroman ist – und ein Lesevergnügen für jeden, ein eintauchen möchte in das sanft tragende »Meer der Wörter«.
Andere Orte, andere Sitten
Adolar reist nicht allein durchs Land, ein geschunden-verwüstetes, das gelähmt ist vor Angst vor den plündernden »Grauen«, die mit achtspännigen Panzerwagen hervorschnellen, die brennen, rauben, zerstören und dann mit ihrer Beute verschwinden in den Weiten der nördlichen Wüste. Er trifft einen Weggefährten, den Bäckerburschen Wendelin, den der tägliche Mehlstaub fast erstickte; ihr gemeinsames Ziel heißt Tausendstein, die neue Hauptstadt und Verheißung unzähliger Glücks- und Gelegenheitssucher. Zerlumpte Schreckensgaukler künden entlang des Wegs von Diebstahl, Zertrümmerung, Gemetzel. Doch Tausendsteins hartes Glänzen hält die Reisenden in Bann. »Von keiner Ringmauer begrenzt, streckte sie ihre Fänge ins Reich aus und war offen für allen Zustrom, für alle Gefahren.«
Hier kann jeder reich werden, prosperieren, sein Vorderhaus mit Fresken bemalen, wirr, bunt und ganz unwahr; er kann sich schmücken mit Bändern, Kettchen und Medaillons, sich schminken, dekorieren wie das Fräulein Klementine Napf, die reiche Erbin eines Steinbruchs, die keck meint: »Es ist ein Glück, daß meine Eltern so früh gestorben sind, die lieben!« Er kann reüssieren als Geschäftsmann, Makler, Finanzjongleur – oder als ein Niemand verschwinden im nicht sichtbaren Hinterhaus. »Prachtvoll, aber auch unheimlich war diese Stadt«, doch »wer anderes als Geld sucht,verirrt sich in Tausendstein«, warnen Marlies und Niklaus, die beiden Alten: »Schön und gefährlich sind die Paläste mit Blick auf die Straßen. Wohl verschaffen sie Ansehen bei den Nachbarn, zugleich aber locken sie die Grauen aus der Wüste [...] Die Zerstörung ruft nach Renovation, die Renovation verursacht Ausgaben, die Ausgaben bedingen Gewinn [...]«
»Sie ruhen nie, wir plündern immer.«
Eine unheilvolle Allianz verbindet das geschäftige Treiben der Tausendsteiner mit ihrem Widerpart, den schwarz maskierten, strenger Askese verpflichteten Männern des Fürsten Valpagiris, die Gold, Geschmeide, Teppiche und Truhen nach Felsenstein karren und dort versenken im Ödloch, einem nimmermüden Schlund. »Unsere Beute muß es werden und in Finsterfels ruhen, ungebraucht und für immer.« Der furchtlose Wendelin, ganz Mann der Tat, wagt den gefahrvollen Weg übers Pechmeer zur Insel im Leerland, er scheut nicht vor dem Blick ins Nichts, in den Schacht: In seiner Tiefe türmen sich die erbeuteten Schätze, immer höher steigen sie auf von Grund – bis zum baldigen Überquellen, zum Stillstand, zum Aus.
Gibt es eine Alternative zu Abwehr, Gier, dem sinnlosen Horten von Schätzen? Einen Ort der Heiterkeit, des Vergnügens, der Lust? Im bescheidenem Schlaraffenländchen des Fürsten Lutolfs, im Lerchental, finden sich die Helden des Misserfolgs und der Enttäuschung zum dauernden Fest. Ein einziger Feierabend ist ihr Tag, Labsal für »unglücklich Verliebte, tragisch Gescheiterte [...] Gläubiger vor dem Ruin [...], aber auch untüchtige, ehrgeizlose, empfindliche, versponnene Personen mit hohen Ansprüchen und ohne Berufung«. Bei Speis und Trank finden Adolar und Wendelin vorübergehend Rast. Doch worum geht es hier? Um die Freiheit? Oder die Faulheit? Kein tätiges Leben erwartet die Suchenenden in Lustolfs Lerchental, nur dumpfes Beharren im Erdrückend-Angenehmen, keine Entwicklung, kein Wachsen.
Das Ziel der Suche
Dies ist ihnen nur möglich in der Stadt des unendlichen Anfangs, der alten Residenzstadt Prinzenwald mit ihrer Bibliothek, dem Theater, mit ihren Bäumen, Parkanlagen, den Wasserläufen und Kanälen. Hier ist alles im Fluss, hier vereinen sich Kultur und notwendige Arbeit zum Miteinander, zu einem Leben mit Maß. in schöpferischer Muße und Erneuerung. Adolar und Wendelin treffen auf Gleichgesinnte, sind ihnen verbunden im lebendigen gespräch; in Prinzenwald begegnen sie dem jüngsten und letzten Kaiser des Reichs, Leander, der abgedankt und die Reichsinsignien begraben hat, der ins Wasser steigt, kraftvoll schwimmt und von dem es heißt: » Ihn erquickte ein klarer Rausch.« Eine Anstrengung, lustvoll und lohnend – wie die Lektüre dieses Romans, der geschrieben ist mit eleganter Feder, ein Spiel der Wörter, voller Leichtigkeit und getragen vom Zauber der Utopie.
Sie spielen in eigenen Welten, die Erzählungen Renate Rüdigers: Merkwürdig zeit- und ortlos, voller Fantasie und mit einem Drall ins Abseitige. Da kommt ein Palast vor, in dem die Möbel mit Bettlaken überzogen sind und alles Leben, alle Liebe abgedeckt scheint. Da verlässt ein vereinsamter Bauer seine Tiere für eine Reise im TGV. Da debattieren ein Kosmonaut und ein U-Boot-Kommandant über Philosophie.
zeigen»Was ist Wahrheit?«, fragt man sich , »was bilden sich die Figuren ein, wann gehen die Gäule mit ihnen durch wie beim Banker, der auf der Autobahn überall Gegenstände herumliegen sieht?« Man muss es mögen, das Geisterhaft-Absurde, doch mit der Sprache geht die in Kassel lebende promovierte Kunstwissenschaftlerin sehr sicher um. Lieblingssatz: »Aber der Geist, verstehen Sie, er lässt sich nicht einengen … er ist unbändig!«
Thomas Fieglmüller konnte man schon bisher in sehr verschiedenen Rollen kennen lernen: als Kellner und Taxifahrer, als Pfarrer und Gefangenenseelsorger, als Sänger und Lehrer, als Coach und als Psychotherapeut. Mit einem heiterem Gemüt begabt, aber auch durch schwere Krankheiten geprüft, mit scharfem Blick die Realität in Kirche und Gesellschaft wahrnehmend und zudem wortmächtig legt er jetzt auch Gedichte vor.
zeigenNicht überraschend ist deren Bandbreite ungewöhnlich groß, was schon die Titel verraten. Da stehen poetische wie »Quellwasser« neben politischen wie »World Trade Center« und zeitlose wie »Ich werde« neben zeitgebundenen wie »Handymanie«. Der Text »Befreiungstheologie in Europa« ist ein galliges Aufbegehren gegen alle, »die sich’s bequem gemacht am Busen des Skeletts«. Einzelne wie auch Gemeinden, die auf der suche nach »Mittelpunktleben« sind, werden sich bei Fieglmüller wiederfinden, etwa in seinem Credo:
Christsein heißt:
Selbst in der Dürre
noch zu erwarten daß mir mehr zukommen wird,
als ich fassen kann.
War Schiller schwul? Für die Autorin Monika Utermann ist die Frage mit »Ja« zu beantworten. Am Mittwoch liest sie in Niederdollendorf erstmals öffentlich aus ihrem Buch »Schillers heimliche Neigung. Ein Essay zur Frage: Unterhielt Schiller homosexuelle Beziehungen?« Über das Buch und ihre Beweggründe, es zu veröffentlichen, sprach Antje Hesse mit der 68-Jährigen.
zeigenBislang haben Sie sich der Fotografie und der Lyrik gewidmet. Wie kam es, dass Sie sich nun mit Schiller befasst haben?
Utermann: Das war reiner Zufall. Im Schillerjahr 2005 waren die Buchhandlungen voll mit seinen Werken und Biografien. Ich hatte mich seit der Schulzeit nicht mehr mit ihm beschäftigt, aber dann fing ich an, Schiller zu lesen, und ich war begeistert.
Wie kommen Sie auf die These, dass Schiller homosexuell war?
Utermann: Der Auslöser war das homo-erotische Gedicht »Liebe« aus den »Philosophischen Briefen«: »Als Raphael sich meiner letzten Umarmung entwand, da zerriss meine Seele; und ich weine um den Verlust meiner schöneren Hälfte. An jenem seligen Abend – du kennest ihn – da unsere Seelen sich zum ersten mal feurig berührten, wurden alle deine großen Empfindungen mein ...« heißt es da unter anderem. Da kam mir der Gedanke, er müsse homosexuell gewesen sein.
Das klingt, als seien Sie geschockt gewesen?
Utermann: Überrascht, weil ich konservativ bin, das passte nicht in mein Bild von Schiller. Andere meinen allerdings, beim Gedicht handele es sich um ein fiktives Verhältnis zweier Männer, der Fantasie entsprungen.
Warum meinen Sie, es ist kein Fantasiegedicht?
Utermann: Weil sich Schillers persönliche Erfahrungen in seinen Schriften widerspiegeln. Und außerdem zeigt meiner Meinung nach sein unvollendetes Drama »Die Malteser«, in dem er ein homosexuelles Verhältnis zum Inhalt des Stücks macht, dass er seine Neigung letzten Endes nicht verschweigen wollte.
Wie sind sie auf »Spurensuche« gegangen, wie sie es nennen, um ihre These zu stützen?
Utermann: Ich habe einfach immer weiter gelesen, in Biografien, Schillers philosophischen Briefen, seinen Dramen und Liebesgedichten, und ich habe in den vier Jahren Hinweise gefunden, dass er mit Männern liiert war. Ich bin aber keine Germanistin, keine Wissenschaftlerin, sondern eine aufmerksame Leserin. Es ist eine sehr individuelle Sicht auf Schiller.
Hat sich ihr Schiller-Bild durch ihre Erkenntnisse verändert?
Utermann: Ja, ich bin eine Verehrerin Schillers geworden, so ähnlich wie ein Michael-Jackson-Fan. Wenn ich ihn früher als jugendlichen Rebell gesehen habe, der für den Freiheitsgedanken steht, sind es jetzt seine Liebesmoral und seine humanistischen Gedanken, die mich beeindrucken. Meiner Ansicht nach hatte Schiller Verhältnisse mit Frauen und Männern – natürlich nicht öffentlich, denn Homosexualität wurde hart bestraft. Teils hatte er auch Beziehungen mit Verheirateten, aber wie es sich mir darstellt, stets mit hohem moralischen Anspruch und nicht nur zur Triebbefriedigung. Die Liebe diente der charakterlichen Vervollkommnung und dem geistigen Austausch.
Sie schreiben, dass Sie nicht Schillers Ruf beeinträchtigen wollen. Haben Sie dennoch negative Reaktionen erfahren?
Utermann: Ja, manche Menschen wehren ab bei dem Thema, wollen nichts damit zu tun haben. Ich habe vor der Entscheidung, das Buch zu veröffentlichen, auch Nächte lang nicht geschlafen, weil ich mich gefragt habe: Kann ich das überhaupt machen? Ein Germanist und mein Verlag haben mich in meinem Vorhaben bestärkt.
Ist Ihre These kritisiert worden?
Utermann: Nein, ich bin so wenig bekannt, dass es sich nicht lohnt, mich zu kritisieren.
Was ist Ihre Intention?
Utermann: Was ich gefunden habe, wollte ich niederschreiben. Weil ich es wichtig finde, Schiller aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und wenn man seine Liebesphilosophie, seine Gedichte und sein Leben betrachtet – sein Leben und sein Werk gehören für mich zusammen –, dann kann man vielleicht von ihm lernen, denn er war ein Menschenkenner.
Was haben Sie von Ihm gelernt?
Utermann:
Dass Liebe darin besteht, dass ich dem anderen gebe und selbst vollkommen zurücktrete. Schiller schreibt: Menschenhass ist verlängerter Selbstmord; Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens.
Was kann ein Wassertropfen alles erzählen? Im Fall von »Hoo«, der kleinen wässrigen Hauptfigur in dem Roman von Siegfried H. Hofmann jede Menge. »Hoo – Es wird, wie es werden soll« verbindet Fantasie und Realität. Das Thema »Wasser«, als lebenswichtiges Gut der Menschen, wird dabei in den Mittelpunkt gestellt.
zeigenGeschrieben ist das Werk so, dass es auch Kinder gut verstehen können. Denn »Hoo«, der kleine Regentropfen, erlebt bei seinem Erdenbesuch viel Lustiges, Aufregendes und Unterhaltsames. Er lernt dabei wie Tiere, wie etwa die Läuse »Birne« und »Mucks« kennen und verfolgt unaufhaltsam sein Ziel – die Übermittlung einer »universellen Botschaft« an die Menschheit. In dieser kommt zum Ausdruck, wie die Welt besser sein kann.
Bei »Hoo« geht es um die Bewahrung der Naturresource Wasser, um die Umwelt und den schleichenden Klimawandel. Alles dargestellt in Form einer märchenhaften Geschichte, in der ein Wassertropfen durch seine Rettungsmission zum großen Helden wird.
Siegfried H. Hofmann ist als Autor eher noch unbekannt. Erschienen sind von ihm bis jetzt nur Bücher, die sich mit dem Schlagzeug beschäftigen. Immerhin liegt darin seine große Leidenschaft. Seit 40 Jahren erteilt der 1951 geborene und in Wasserburg lebende Hofmann nun schon Schlagzeugunterricht und ist als Drummer in der Rock-, Pop- und Jazzmusikszene aktiv. Als professioneller wie auch semiprofessioneller Schlagzeuger und Sänger war er als Mitglied mehrere Tanz- und Showbands schon mehrmals auf internationalen Kreuzfahrtschiffen rund um die Welt unterwegs. Vielleicht ist ihm bei so einer Fahrt auf hoher See und dem Blick ins Wasser die Idee gekommen, den Roman »Hoo« zu schreiben, indem er die Menschheit auffordert, das Lebenserhaltungssystem der Erde zu bewahren und schützen – ein kurzweiliges und doch hintersinniges Lesevergnügen für die ganze Familie
Adolar lernt viele Lebensformen kennen, bis er die Stadt erreicht, wo das Glück aus Lesen und Schwimmen besteht. Neuerdings gibt es ein Radio »nur für Erwachsene«, aber wer es anstellt, hört nicht Bach, Beethoven oder Mahler, sondern die gleichen Rocksongs der letzten fünfzig Jahre wie bei den Jugendsendern auch. Keine Enttäuschung erlebt dagegen, wer »Im Reich des schwimmenden Kaisers«, den literarische Erstling der Züricher Germanisten Antonino Orlando, zur Hand nimmt.
Ein Entwicklungsroman
Im Spiegel einer erfunden Welt gelingt es Orlando da nämlich, unsere Zeit, ihre Chancen und Defizite so packend und überzeugend zu spiegeln, dass man der virtuos komponierten, sprachlich bei aller absichtsvoller Stilisierung brillanten Erzählung mit wachsender Faszination folgt und 488 Seiten lang ohne Mühe bei der Stange bleibt. Die Geschichte spielt in deiner Zeit, in der es weder Autos noch Radio und Computer gab, in einem fiktiven Land, von dem wir vier Städte und ein räuberisches Gebirgsvolk kennenlernen, das die Ebene von Zeit zu Zeit mit Terror überzieht. Adolar, die Hauptfigur, und Wendelin, sein etwa gleichaltriger Weggefährte, lernen die Städte als immer neue Möglichkeiten der Lebensbewältigung kennen und finden erst am Schluss, in der Stadt des schwimmenden Kaisers, das ihnen zusagende Umfeld. Die vier Städte definieren sich wesentlich in ihrem Verhältnis zum Gefahrenpotenzial, das vom Gebirgsvolk der »Grauen« ausgeht. Immer wieder ziehen deren Kriegshorden durchs Land und rauben, was nicht niet- und nagelfest ist, um es in der Festung Finsterfels in einen Schacht zu versenken. »Der Besitz der anderen ist unser Leben«, sagt Valpagiris, ihr Anführer. »Viel Schönes und Teures gibt es. Es in die Festung zu bringen, zu bearbeiten, im Dunkel verschwinden zu sehen, welche Mühe kostet es täglich! Doch es nah zu wissen, ist unser Lohn. Nichts zu behalten und durch Genuss zu verderben, das ist die Prüfung, die uns erhebt noch über den Kaiser.« Der Kraft dieser wehrhaften Askese steht in den vier Städten in der Tat eine unterschiedlich ausgeprägte Abhängigkeit von Besitz und Reichtum gegenüber, die, als Panik und Verlustangst, dem Gegner, der nichts zu verlieren hat, fatal in die Hände arbeitet. Und es macht ihn zur Symbolfigur einer neuen, friedlicheren Zeit, dass es Adolar mit Hilfe Wendelins, der furchtlos nach Finsterfels vordringt, gelingt, der Bedrohung durch die »Grauen« ein Ende zu setzen.
Abwehr und Eigennutz
Adolar wächst als Findelkind in Harzeneck auf und wird Schönschreiber und Kopist. Immer nur bereits Formuliertes abschreiben zu dürfen, missfällt ihm aber bald einmal ebenso wie die Mentalität des Städtchens, in dem man keinen höheren Lebenssinn kennt, als das Gemeinwesen mittels eines ausgeklügelten Verteidigungssystems uneinnehmbar zu machen. Adolar übersiedelt nach Tausendstein, wo man die Überfalle der »Grauen« in ein Wirtschaftsleben miteinkalkuliert, das ganz auf dem Recht des Stärkeren basiert. »Die Tausendsteiner! Die Reichsten sind sie und zugleich die Ärmsten. Der eigene Vorteil ist ihr einziges Gebot, ihr innerer Zwang. Der Stärkere findet offene Türen, der Schwächere bleibt draußen zurück. Die Hetze lieben sie, Geduld haben sie nie. Das Erreichbare ist ihnen das Bessere, das Bessere das Erlaubte.«
Selbstgenügsamkeit
»Alle hatten sie Zeit«, heißt es von den Prinzenwaldern, »nahmen sich Zeit, um miteinander zu schwatzen, zu ratschlagen, zu schäkern oder manchmal etwas zu streiten. Selbst im Gehen schlugen manche ihre Bücher auf und verschlangen eine Seite, Ein bloßer Werktag war heute, doch alles tönte und klang, alle waren beschwingt und voll Freude.« Hier nun findet Adolar zum Buch als Lebenselexier. »Glücklich war er und immer glücklicher konnte er werden. Adolar und seine Bücher, seine Autoren! Durch das Lesen kam er zu ungreifbaren Schätzen, die erglänzten und erklangen, wo immer er sich gerade befand.« Noch höher, weil in Gemeinschaft erlebt, ist aber das Theater gewichtet. »Mit dem Theater ist es wie mit dem Schlafen und Träumen. Es geht vorüber und geht doch nicht verloren. Was ihr gesehen habt, es lebt in euch fort. Es sammelt sich in euch an und strahlt aus euch hervor wie ein Schatz und ein Wunder.«
Muße und Kultur
Unterwegs in die Residenzstadt machen Adolar und Wendelin im Lerchental Station, wo unter dem abgedankten Fürsten Lutolf das leben ein einziges Fest ist. »Bei uns hat jeder Anspruch auf Muße, und alles ist wert, dass es bestehen bleibt. Wir achten im Kleinen das Wichtige, und Schätze, die Räuber anziehen, brauchen wir nicht.« Bei allem Genuss fühlt sich Adolar aber auch hier nicht wohl, weiß er doch: »Aus dem Erdrückend-Angenehmen. Unergiebig-Beständigen hätte sie nur ein Wechsel herausreißen können, sei es ihr eigener Entschluss oder eine neuerliche Katastrophe.« So zieht er weiter in die Residenzstadt Prinzenwald, wo zum Wohl befinden und zur Musse ein sinnstiftendes Verständnis von Kultur hinzukommt.
Im »klaren Rausch«
Ob mit Lesen, Sammeln, Forschen oder Musizieren: In Prinzenwald fühlen sich die Menschen wie lauter Könige und Königinnen, erklärt eine junge Frau, und es ist deshalb auch nur folgerichtig, dass Kaiser Leander längst abgedankt hat und seine Tage mit Schwimmen verbringt. In einem Glückszustand, in dem sich das durch die Gegenwart des Geistigen geadelten Leben mit einem körperlichen Wohlbefinden verbindet, das wie ein »klarer Rausch« anmutet: »Schwimmen, im Wasser sein! Es streichelte die Haut, drang in die Öffnungen ein. Jedem Vorstoßen gab es nach und folgte jedem Zurückweichen. Es quirlte um die Schultern, schäumte zwischen den Fingern, fuhr den Rumpf entlang.«
Lilian Thuy-Anh Phan besuchte ihre ehemalige Heimatstadt und las in ihrer ehemaligen Grundschule aus ihrem Buch »Abenteuer auf dem Tierhof«.
zeigen(...) In die Weltöffentlichkeit ist das Kosovo als Streitgegenstand zweier Nationen gekommen: der Serben und der Albaner. Beide Seiten malen das Bild vom ewigen Kampf ständig weiter aus. Da muss es einen nicht wundern, wenn auch die Historiker in der Geschichte vorwiegend nach serbisch-albanischen Konflikten suchen, Gründungen dieser oder jener Volksgruppe zuordnen und nachträglich feststellen, welche der beiden in einem fernen Jahrhundert wo die Mehrheit stellte. (...)
zeigenWer sich auf einen beruflichen oder privaten Besuch vorbereitet, einen Kosovaren näher kennt oder wissen will, wie es dorthin entsandten Angehörigen geht, nähert sich dem Thema Kosovo am besten über das Buch von Saskia Drude. Die junge Deutsche hat als »mitreisende Ehefrau« eines EU-Beamten den Alltag des jungen Landes eingefangen. Sie erzählt kleine Erlebnisse, berichtet von Stromausfällen und vereisten Bürgersteigen, voll Müll und Parkproblemen. Das klingt banal, aber banal ist das Buch, das subtil die Mentalität des Landes skizziert, an keiner Stelle.
»Die Betonzeiten/verrotten/durch Knopfdruck/auf das Turbozeitalter/schneller höher leichter … glasklar/ist der Durchblick/auf die Corbusier’schen/Slums/der gefeierten Zukunft.« So illusionslos kommentiert Claudia Wädlich in ihrem Gedicht »Schon vorbei« die Segnungen eines immer rapider vorpreschenden Fortschritts. Was der Homo faber gestern noch als Gipfel technischer Machbarkeit feierte, ist morgen unter den »Fassaden hochgetürmter Phrasen« verrottet.
zeigenDer Hinweis auf Le Corbusier ist insofern aufschlussreich, als gerade die Entwürfe dieses berühmten Baumeisters der Utopie eines humanen Städtebaus sehr nahe kamen, ehe sie zu Slums verkamen. Will sagen, Wädlichs Zivilisationskritik operiert nicht im leeren Raum, sie benennt Ursachen und Folgen einer Entwicklung auch dort, wo sie in existenzielle Bereiche stößt. Claudia Wädlich wurde 1958 in Oberhausen geboren. Nach dem Jurastudium wandte sie sich u. a. der Literatur und der Archäologie zu. Exkursionen nach Ägypten machten sie mit den versunkenen Kulturen Nordafrikas vertraut. Nicht zuletzt diese Erfahrung spiegelt sich in ihren Gedichten, so sie im Rückgriff auf Mythos und Geschichte aktuelle »Befindlichkeiten« reflektieren – gegen die Schönreden in der modernen Mediendemokratie. Das geschieht nicht mit dem Pathos plakativer Anklage, sondern in konzentrierten, poetischen Bildern. So auch in unserem Beispiel aus Wädlichs erstem Gedichtband »Innere Zirkel« (deutscher lyrik verlag, 9 Euro), das Element klassischer Natur- und Gedankenlyrik kunstvoll ineinander verwebt. Im Zeitalter globaler Umweltkatastrophen ist das Meer mit seinen Geheimnissen nicht mehr nur – wie noch bei Heine oder in Debussys grandioser Tondichtung – Anlass für romantische oder impressionistische Verklärung. Schon der Titel beschwört jene Krise, der sich das lyrische Ich bewusst ist. Noch sieht es, tief verwurzelt in den Gezeiten des Lebensspenders Wasser, das Meer »silbrig perlend« schimmern. Doch Poseidons »ölige« Ernte trübt die Idylle. Und hinter der vieldeutigen Metapher sehen wir Bohrinseln und die Öltanker, die heute die Weltmeere durchpflügen. Gegen den Befund der »Krise« aber setzt das Gedicht, jede Strophe mit einem sanft abklingenden Reim schließend, eine Vision von elegischer Schönheit: Zeit und Vergänglichkeit fließen durch blaue Gedanken, »die um maritime Gärten ranken«.
»Alter macht bescheiden«, sagt Professor Udo Kollatz, Staatssekretär a. D. aus Bonn. »Als ich geboren wurde, lebten zwei Milliarden Menschen. Sterbe ich, hat einer von sieben, vielleicht nur einer von acht Milliarden sein Leben beendet. Als Minus kaum zu bemerken.«
zeigenDas ist im Falle des Autors allerdings eine grobe Untertreibung. Beinhaltet doch sein Lebenslauf, der am 1. März 1931 in Königsberg seinen Anfang nahm, ein bemerkenswertes Stück Zeitgeschichte und die persönliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen der NS-Zeit bis zur Mitarbeit am Europarecht. »Kreuzweg – Wegkreuzungen. Jugenderinnerungen eines alten Mannes« hat Kollatz seine Biografie genannt. Zweifel am NS-Regime bringen ihn schon als Gymnasiasten zum Nachdenken. Im März 1945 wird er in Pillau schwer verwundet, überlebt Gefangenschaft und Internierung in Dänemark und kommt 1947 als Flüchtling in ein hessisches Dorf. Mit einer wohltuenden Spur Kritik und Selbstironie schildert der Autor, wie er sich nach dem Krieg in seinen neuen Alltag findet. Das Buch gewährt unter anderem Einblicke in Kollatz’ Tätigkeit als Ermittlungsrichter beim Eichmann-Prozess sowie in anderen NS-Verfahren.
Er sorgt sich um die größte Naturressource Wasser, um die Umwelt und den Klimawandel: Siegfried H. Hofmann. Der Autor hat jetzt einen Roman mit dem Titel »HOO – Es wird, wie es werden soll« geschrieben, der die Menschen sensibilisieren soll, nicht das zu zerstören, was die Menschheit trägt, nämlich eine lebenswerte Umwelt.
zeigenHOO ist ein Regentropfen, im Wolkenreich geboren. Während eines Gewitters stürzt er spektakulär aus den Wolken. Sein Erdenbesuch lässt ihn hochtalentierte Tiere kennenlernen. In einer Vollmondnacht wird er während des traditionellen Fauna & Flora-Friedensfestes dazu auserkoren, der Menschheit eine universelle Botschaft zu übermitteln. In dieser »Universellen Botschaft an die Menschheit« kommt zum Ausdruck, wie unsere Welt eine bessere sein und gerettet werden könnte. So soll eine globale Lösung für die Weltgemeinschaft »Mensch«, die wichtigste Naturressource Wasser, für die Umwelt und gegen den schleichenden Klimawandel auf den Weg gebracht werden. Doch das geht nur mit den Menschen gemeinsam.
»HOO – Es wird, wie es werden soll« ist ein außergewöhnlicher Roman, der Fantasie und Realität vereint. Das Thema »Wasser« als lebenswichtige Ressource wird in ganz besonderer Weise in den Mittelpunkt gestellt. Zudem wird die Menschheit aufgefordert, das Lebenserhaltungssystem der Erde zu bewahren und zu schützen und in Eintracht und Frieden würdige Verhältnisse für alle Lebewesen auf unserem einzigartigen Planeten anzustreben.
»Ziel des Kochens ist die Steigerung von der bloßen Zweckerfüllung zum Genuss und zur Freude am Essen, bis zum Lebensgenuss überhaupt«, schreibt Alois Huning. Der ehemalige CDU-Kommunalpolitiker, ehrenamtliche Bürgermeister und Professor für Philosophie an der Universität Düsseldorf hat jetzt eine »Kulturphilosophie der alltäglichen Lebenswelt« herausgebracht. Das Buch ist leichter zu lesen, als es der Titel vermuten lässt. In vielen Passagen geistreich, gespickt mit Aphorismen, lebenspraktisch, unterhaltsam.
show»Ich halte es für die Aufgabe eines Wissenschaftlers, so zu formulieren, dass es der normal gebildete Mensch gut verstehen kann«, erklärte Dr. Huning seine Maxime im Pressegespräch. Unsere alltägliche Lebenswelt sei kulturell geprägt. Der Mensch sei von Natur aus ein Kulturwesen und nur als solches überhaupt lebensfähig, führt er in seinem Buch aus. »Er muss die Natur zu seiner Welt gestalten, um in ihr leben zu können.«
Wie Menschen diese nie endende Aufgabe bewerkstelligen, zeigt Huning an mehreren Bereichen gelebter Kultur auf, wie Essen, Trinken, Lieben, Religion, Sport, Technik, Tod, Totenehrung. Er blickt zurück auf die Kulturgeschichte und lässt Philosophen zu Worte kommen. Er beschreibt aber auch, genüsslich und des Kochens kundig, am Beispiel der Erbsensuppe, wie der Verzehr eines ursprünglich rustikalen Gerichts zu einem kultivierten Genuss werden kann.
Huning widmet sich den vielfältigen Erscheinungen der Liebe, vom Kamasutra bis »zur kultivierten Liebe, die bis an das Lebensende dauern und reifen kann«, wie es in Ovids Metamorphosen beschrieben wird.
Wie Alltagskultur im besonderen Maße in der unmittelbaren Umgebung der Menschen verwirklicht wird, zeigt er unter »Wohnung, Haus und Garten« auf.
Kapitel V handelt vom Genießen. Wer den Autor kennt, verbindet ihn mit einer Rauchwolken verbreitenden Zigarre. Kein Wunder, dass es in Kapitel V in aller Ausführlichkeit auf den sinnlichen Genuss des Zigarre-Rauchens eingeht. »In der Hoffnung, dass auch die Nichtraucher darin etwas von Kultur anerkennen.« Während seiner aktiven Professoren-Zeit hielt Huning neben Pflichtverlesungen, auch »Lustvorlesungen« zur Alltagskultur, die besonders gern von Gasthörern, insbesondere von Senioren, besucht wurden.
Philosophisches Café
Nach seiner Pensionierung wurden diese Vorlesungen im privaten Kreis fortgesetzt. Brunhilde und Alois Huning luden jeweils einen Kreis von Leuten zum »Philosophischen Café« in ihr Haus ein. Dem Vortrag folgte eine allgemeine Diskussion. Anschließend wurde gespeist und getrunken. Die Vorträge bildeten den Grundstock für das jetzt im Handel erhältliche Buch.
Es sind oft die kleinen Gesten, die stillen Blicke, die größte Zuneigung ausdrücken. Verena von Asten haben sie dazu bewegt, Lea aus dem Tierasyl heimzunehmen, eine Malinois-Hündin, groß, schlank, feingliedrig. Sie kennen und lieben zu lernen ist eine Kette von Abenteuern: mit Männerliebe, wilder Jagd und echten Gesprächen.
showBuchtyp und Inhalt
»Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir, Lea, meine unvergessliche, vierbeinige Begleiterin eines langen Zeitabschnitts meines Lebens. Die Erinnerung ruft sie mir zurück.« So beginnt diese kleine Erzählung, die so etwas wie ein Nachruf oder eine Gedenkschrift ist.
»Ich möchte die Momente festhalten, Leas Geschichte aufschreiben für solche, die sie gekannt haben, und auch für diejenigen, die vielleicht die Freude der Erinnerung an sie mit mir teilen wollen!« Es sind Vorkommnisse aus Leas wilder Jugend (sie jagte leidenschaftlich und leider teilweise erfolgreich), Erfahrungen mit menschlichen Vorurteilen (eigenen und fremden, berechtigten und unberechtigten), Momente voller Hoffnung, aber auch Befürchtungen (manchmal bewahrheitet, manchmal nicht) und immer wieder Zeugnisse von Liebe und intuitiven Verständnis, die sich beide über die Jahre vertieft haben (Lea wurde vierzehneinhalb Jahre alt!).
Zuletzt erzählt Verena von Asten vom gemeinsamen Altern, das bei Lea natürlich rascher verlief, von Leas zunehmender Taubheit und Sehchwäche, ja Senilität. Als in der Erzählung Leas Ende naht, schreibt sie: »Diesen Teil meiner Erinnerungen festzuhalten, fällt mir sehr schwer.« Und tut es doch, in dem Wissen, dass Anfang und Ende zum Leben gehören.
Kommentar
Natürlich liefen einige Dinge in Leas Leben schief, was Verena von Asten auch offen zugibt, und ihre eigenen, obschon selbstkritischen postumen Betrachtungen gäben durchaus Stoff her, um darüber zu diskutieren. Da die Autorin selbst nicht mehr möchte, als die Lebensgeschichte ihrer Lea festzuhalten (vielleicht, um gegen das Vergessen anzukämpfen?), ohne damit eine Vorbildrolle verkörpern zu wollen, und es kein Kinder- oder Jugendbuch ist (die automatisch Vorbildcharakter haben), will ich auf den Inhalt ihrer Erzählung nicht näher eingehen.
Worauf es sich aber lohnt aufmerksam zu machen: Dieses Buch lebt nicht alleine von den darin erzählten Episoden und Anekdoten aus Leas Leben, sondern parallel dazu von Assoziationen, die bei Lesern während der Lektüre geweckt werden, wenn sie sich wie die Autorin auf ein hingeschiedenes Hundeleben zurückbesinnen können. Insofern kann auch dieses Büchlein beim Verarbeiten des Verlustes eines eigenen Hundes helfen, Trost zu finden.
Wenn des Nachts die Sterne funkeln, greift Petra Morche nach denselben. Eigentlich hat die Leipzigerin in ihrer Physiotherapie-Praxis alle Hände voll zu tun. Doch abends haut sie in die Tasten. Eben ist »Der Telepathenkrieg«, erster Teil ihrer Reihe »Raumbasis Prometheus«, erschienen – irdische Probleme vor stellarem Hintergrund.
zeigen»Ausgangspunkt war Babylon 5«, sagt Petra Morche zwischen zwei Patienten. Die Science-Fiction-Serie inspirierte die Leipzigerin, selbst zu schreiben, genauso die Realität, der 11. September, der Irak-Krieg, all der Wahnsinn, der so viel Potenzial pulverisiert. »Auch die klassischen Star-Trek-Bücher und russische Autoren wie die Brüder Strugazki schätze ich.« Dabei stellt sie sich vor allem eine Frage: »Sind wir dazu in der Lage, vom gewaltsamen Gegeneinander zum friedlichen Miteinander zu kommen? Ich hoffe es«, sagt Petra Morche. »Denn wenn wir überleben wollen, müssen wir gemeinsam handeln.«
Das wäre auch der Idealfall fürs Zusammenleben auf der Erde im 27. Jahrhundert. Doch auch in diesem Universum gibt es ein paar Raufbolde. So übernimmt das Psi-Korps die Macht – schlechte Zeiten für herkömmliche Menschen, die für die Psi-Truppen ein Auslaufmodell darstellen …
Wohin die Handlung letztlich führt, das weiß Petra Morche selbst noch nicht. »Das entwickelt sich beim Schreiben«, sagt sie. Rund 2.500 Seiten sind bis jetzt am Computer entstanden. Dabei hält sich die Schriftstellerin nicht an irgendwelche goldenen Schreibregeln. »2002 habe ich angefangen. Später hat mich einen befreundete Journalistin bestärkt, mir einen Verlag zu suchen.« Den fand sie mit der Karin Fischer GmbH in Aachen. »Schon ein paar Tage, nachdem ich mein Manuskript hingeschickt hatte, sagten sie zu«, so Petra Morche, deren lesenswerte Zeilen nicht platt auf Action zielen, sondern auch mit Psychologie und Philosophie punkten. Ihre Patienten finden’s prima. »Wie wird diese Wahnsinnsstory weitergehen?«, fragt Wolfgang Liebenow.
Geboren 1954 in Kamenz, studierte Petra Morche von 1972 bis 1976 an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Philosophie, arbeitete als Lehrerin für Staatsbürgerkunde. »Wegen meiner Kinder wechselte ich zur Betriebsschule für Gesundheitswesen. Doch die wurde abgewickelt.« Da half ihr auch keine Unterschriftensammlung der Schüler. Also ließ sich Petra Morche zur Physiotherapeutin ausbilden, war in diesem Beruf zunächst eingestellt, eröffnete aber 1997 mit einer Kollegin eine eigene Praxis. »Es läuft ganz gut«, sagt sie. »Wir hatten nie Probleme.«
Jetzt zu schreiben ist für Petra Morche also Muße und kein Muss. Und ein bisschen kommt dabei auch ihre Weltanschauung auf den Prüfstand. »Mit Gewalt kann man auf Dauer nicht an der Macht bleiben«, weiß sie. Und: »Die Zukunft der Menschen muss menschlich sein.« Insofern ist ihre »realistische Utopie« – die nächsten Folgen liegen schon in der Schublade – auch Hoffnung auf eine humanistische Zukunft. Für die die Autorin Anstöße geben will. Denn: »Denken macht Spaß.«
Zwar ist Ilja Seiferts Gedichtbüchlein »Also lasst mich irren« gerade erst erschienen und bildet auch den Mittelpunkt seiner Lesung in der Neisse Galerie. Zum Auftakt jedoch liest der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei ein Gedicht, das erst nach dem Buch entstanden ist. Leicht ironisch beschäftigt sich Seifert damit, was passieren würde, wenn er plötzlich tot umfiele und für immer tot wäre.
zeigenDoch der Politiker ist nicht allein gekommen, um die politische Bühne vor einem Dutzend zumeist älterer Zuhörer für eine gute Stunde zu verlassen. Begleitet wird er von Christian Schröder, seinem Freund und Assistenten im Bundestag. Abwechselnd lesen beide ihre eigenen Werke vor und versäumen es nicht, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen und zu betonen, dass sie eigentlich gar nichts miteinander zu tun hätten.
Beiden macht es sichtlich Spaß, in einem recht vertrauten Kreis, in dem man sich duzt, zu lesen. Dabei ergibt sich immer wieder das Gespräch mit dem Publikum. So regt eine Zuhörerin an, dass Seifert und Schröder einmal die Werke des jeweils anderen lesen mögen. Von beiden liegen zwar sechs gemeinsame Büchlein vor, dennoch haben sie dies noch nie getan. Seifert findet die Idee durchaus interessant.
Obwohl sich viele der zumeist kurzen Gedichte des studierten Germanisten auf dem schmalen Grad zwischen tiefgründigem Nachdenken und scheinbarer Banalität bewegen, bleiben auch politische Anspielungen nicht ganz außen vor. Diese zielen mal auf das rechte Lager, mal aber auch in ganz anderen Ecken. »Sie sehen, wir ham’s mit den Fröschen. Wir sind’n bisschen grün angehaucht«, sagt Seifert, nachdem in mehreren Gedichten von Seifert und Schröder Frösche eine Rolle spielen. Einen Moment später ist die Politik schon wieder ad acta gelegt und Seifert wagt sich in erotischere Gefilde vor.
Genauso vielfältig wie die Texte ist auch deren Entstehung: »Sie kommen meist dann, wenn gerade besonders viel zu tun ist«, sagt Seifert. Inhaltlich bezögen sie sich dennoch selten auf das gerade anliegende Thema. Im Bundestag sind übrigens auch schon Gedichte entstanden: »Das kommt selten vor, aber es passiert«, sagt Seifert.
Ein Feuerkopf sei er, ein enfant terrible. Habe sich schon während der Volksschule in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren in Bremen vorgenommen, Schauspieler zu werden. Und sich nach der achten Klasse und diversen Lehrstellen dann auch durchgebissen und die Schauspielschule absolviert. »Ich habe das gewollt, ich habe das gemacht und bin 42 Jahre auf deutschen Bühnen rumgeturnt«, sagt Helmut Düvelsdorf. Als Charakterdarsteller und in zahlreichen Hauptrollen am Goetheplatz-Theater in Bremen (1963 bis 1969), an den Städtischen Bühnen Frankfurt (1969 bis 1972) und schließlich am Staatstheater Darmstadt zwischen 1974 und 2001.
zeigenKollegenschelte
Als er in Darmstadt beginnt, zieht er zu seiner Frau nach (...). Hier schreibt er nach seiner Pensionierung 2001 seine Memoiren, die dieser Tage unterm Titel »Finito! Ungeschminkte Aufzeichnungen eines unbequemen Schauspielers« herausgekommen sind.
Der Titel ist Programm. Die Autobiographie hat es in der Tat in sich. Der Temperamentsbolzen Düvelsdorf betreibt seiten- und kapitelweise harsche Kollegenschelte, nennt Namen und geht vor allen Dingen mit dem Regietheater und den dort arbeitenden »kranken Regisseuren« ins Gericht. Sein Fazit: »Das Theater befindet sich auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Nichts ist den Regisseuren und Dramaturgen so fremd wie die Sprache und Dichtung der Stücke, die sie inszenieren. Sie verändern Texte und fügen eigene hinzu. Selbst Klassiker sind nicht vor ihnen sicher.«
Den Intendanten ist es Düvelsdorf zufolge egal, »ob der Zuschauer verhöhnt und veralbert wird«. Wie in einer Berliner Inszenierung der Mozart-Oper »Die Entführung aus dem Serail«. Da stehe ein Sänger nackt auf der Bühne, ein anderer lasse sich »von einer Frau anpinkeln, und wieder ein anderer zwingt auf der Bühne eine Hure, seine Ergüsse zu trinken«. Das ist nicht mehr Düvelsdorfs Welt. Der Mime, Jahrgang 1938, stuft rückwirkend als »die beste Zeit des Theaters in Deutschland« die Nachkriegszeit ein, »als die Menschen statt mit Geld mit zwei Briketts ihren Eintritt zahlten«. Resumee: »Ich habe abgeschlossen mit einem Beruf, der einst mein Traumberuf war.«
Die Dreieicher haben nichts davon mitbekommen, was ihren prominenten, auch durch 23 Fernsehauftritte bekannten Mitbürger umtreibt. »Als ich vor 31 Jahren einzog, war mir die Gartenmauer, die uns gegen die Nachbarn abschirmt, das Wichtigste«, bekennt er und gibt noch eins drauf: »Ich habe keinen Bezug zu dieser Stadt und keinen richtigen Kontakt zu den Menschen.« Er sei halt immer irgendwie im Darmstädter Theater gewesen – Vorstellung, Proben, Besprechungen. Am heutigen Freitag, 16. Dezember, tritt er erstmals öffentlich im Wohnort auf – bei seiner »Finito«-Lesung in der Stadtbücherei Sprendlingen.
5000 Bücher zu lesen
Erst jetzt kommt Düvelsdorf dazu, die 5000 Bücher, die er in seiner Bibliothek und im Keller gehortet hat, lektüremäßig anzugehen. »Hatte ja nie Zeit, musste immer Texte lernen.« Jetzt nimmt er sich seinen erklärten Lieblingsautor Friedrich Schiller vor. »Tolle Sprache.« Er hört viel Musik – auch und gerade bei der Hausarbeit, von der er seiner Frau viel abnimmt. »Mit Mozart, Puccini, Verdi, Wagner und Mahler kann man beim Staubsaugen wunderbar entspannen.«
Dabei denkt Düvelsdorf auch über ein zweites Buchprojekt nach – eine von ihm geplante Polemik und Recherche über »die schrecklichen Zustände in manchen Altenpflegeeinrichtungen und über die üble Art, wie man hierzulande mit alten Menschen umgeht«.
Ist der Konjunktiv, dessen Untergang Germanisten und Sprachkenner so sehr beweinen, ein Zeichen oder sogar der Auslöser von institutionalisierter Feigheit? Gert Ungureanu hat darauf eine klare Antwort.
zeigenDie Zeit der Dantons und Robespierres ist unwiderruflich vorbei. Wir leben in einer Zeit der von Kalbs und Wurms, in einer Zeit der Schattenprofiteure und Intriganten. Die größte Stärke des Individuums besteht darin, die Schwächen der anderen gewinnbringend anzulegen. Anonymität und Maulwurfgehabe, Feigheit und Abschieben von Verantwortung werden hier zum obersten Gebot. Allerdings erscheinen sie, so Gert Ungureanu in seinem Roman »Musette«, je nach Ort und Regime in verschiedenem Gewand. In der bundesdeutschen Provinz tragen sie das Deckmäntelchen der Objektivität, der Nichteinmischung ins Private; Unfälle, Morde, Selbstmorde verkommen zu bloßen Fakten, der Konjunktiv feiert Triumphe, der Mensch dahinter wird plakativ auf einen Vornamen plus Buchstaben reduziert, Kurt H., der Provinzjournalist, mit dessen Augen der Erzähler die Ereignisse begleitet, nicht ausgenommen. Seinem Abgleiten in Alkoholismus und gelegentliche amouröse Eskapaden begegnet die Umwelt mit Gleichgültigkeit (wie auch den anderen geschilderten kleineren und größeren menschlichen Tragödien). Lediglich da, wo sein einwandfreies Funktionieren beeinträchtigt wird, werden sie mit Entlassung und Scheidung quittiert.
Den so Gestrandeten verschlägt das Schicksal nach Rumänien, in dem – wie er nach und nach entdeckt – die Anonymität und die Feigheit ein anderes Gewand tragen. Hier gilt: nicht auffallen, Schlupflöcherlabyrinthe bauen, was angesichts des herrschenden Systems auch nicht wunder nimmt. Kurt H. findet sich wieder im Rumänien der ausgehenden 1980er-Jahre, konfrontiert mit einem lebensbedrohlichen Apparat von Bespitzelung und Repression, mit einem Diktator, der nur noch sich selbst und seine bis zum Grotesken manipulierte Wirklichkeit feiert. Die Erzählung tastet sich hierarchisch nach oben, von den Helfershelfern über die Organisatoren zu den Fadenziehern der Securitate, um schließlich bis in die Privatgemächer des Diktators vorzudringen, wo dieser sich vom Arbeitstag erholt, indem er Aufnahmen mit Jubelrufen und Lobeshymnen auf seine Person hört, in voller Lautstärke, um die realen Stimmen und Bilder in seinem Kopf zu übertönen. Eine eindrucksvolle Szene, die nicht zuletzt durch das kommentarlose Aneinanderreihen von Parolen und Diktatorgedanken den tiefen Riss in der Wirklichkeit offen legt. Gleichzeitig bekommt der Leser auch ein dunkles Vorgefühl des Verhängnisses, das sich hier anbahnt.
Kurt H. trifft aber im neuen Land nicht nur auf Repression und Gewalt, sondern auch auf eine Welt, in der der Einzelne noch dazu fähig ist, für Ideale zu leben und einzustehen, auch wenn er nicht immer frei ist von Verstrickung und Schuld. Und an dieser Verbundenheit mit der Natur und dem Natürlichen des Einzelnen (des Hirten Ion, des Zigeuners und Magiers Reza, des Dozenten und Flugblattautors Kretzu – um nur einige zu nennen) scheitert das System. Ein von Ungureau raffiniert eingeflochtenes Vorverweisgefüge weckt beim Leser schon früh dunkle Ahnungen, es brodelt und braut sich nach und nach etwas zusammen, was sich dann in einer Revolution entlädt oder in dem, was im Nachhinein als solche bezeichnet wurde.
Der Apparat des Diktators verselbstständigt sich, die Kälte, Skrupellosigkeit, die zynische Missachtung und Verachtung aller menschlichen Werte wenden sich jetzt gegen den, der sie institutionalisiert hat, aber nicht nur. Ungureanu stellt die Revolution nicht als den historischen Entwurf, nicht als großartig und heldenhaft dar, sondern als einfache, unspektakuläre logische Folge eines Geflechts von Willkür und Gewalt, das die einzelnen Menschen dazu zwing, auf die Straße zu gehen, um nicht an sich selbst zu ersticken.
Ein nüchternes und doch sehr einfühlsames Aufleben der Ereignisse um 1989, dem es nicht an Spannung fehlen würde, hätte Ungureanu auf die parallel laufende und Titel gebende Kater-Handlung verzichtet.
Klassisches Unternehmertum verbindet man mit dem Ende des 19. Jahrhunderts, indes – von Rezessionszeiten abgesehen, erlebt die Wirtschaft glücklicherweise von Zeit zu Zeit eine Renaissance der Firmengründungen. Und wo es keine Jobs gibt, ist es immerhin nahe liegend, Eigenversuche zu starten. Der aus Oberschwaben stammende und in Luxenburg seinen Banker-Beruf ausübende Autor Wolfgang Geiselhart, der an renommierten Instituten in der Schweiz Betriebswirtschaftslehre studierte, tummelt sich in seinem Roman »Die Unternehmungen des Karl Odermatt« höchst unternehmerisch.
zeigen»Karl. Unser Karl, sagte die Großmutter, die schaute in den Himmel, lächelte und starb.« Stolz und Vertrauen sprechen aus den Worten. Die Großmutter ahnte, daß aus Karl, dem Enkel, eines Tages Karl der Große, zumindest aber ein großer Karl werden würde. Ganz im Gegensatz zur Einschätzung des Vaters, den die unternehmerische Dynamik des Sohnes zunächst das Fürchten lehrt und vor allem jede Menge Ärger bereitet. Statt Senkrechtstarter Chaos, weil die ersten Unternehmungen seines Karl sich eher als Machenschaften gebärden. Da wird nicht nur am Rande der Illegalität entlang geturnt, das ist schlicht illegal.
Im Gymnasium, als »Schach-AG« getarnt, entwickelt der ingeniöse Karl ein Verfahren, die Abituraufgabe online zu lösen und auch den Freunden zukommen zu lassen. Aber er und seine Getreuen fliegen auf, werden von der Schule gewiesen und ein gestrafter Vater darf nach einem Internat für seinen Filius suchen, wofür sich die Schweiz anbietet.
Die lapidare Art, ohne Schnick und Schnörkel Personen und Taten zu schildern, erinnert an englisches Understatement, desgleichen der unterkühlte Witz und eine unaufdringliche Komik. Jede Zeit gebiert ihre Tom Sawyers und Huckleberry Finns, ein jugendliches Hill-Billy-Treiben in unserer modernen Gesellschaft. Karls Ideenreichtum, seine Empfänglichkeit für jede Art von Anregungen ist nicht zu zügeln, es kribbelt in seinem Unternehmertrieb wie in den Fingerspitzen eines Taschendiebes.
Eine gelungene Zeit- und Gesellschaftssatire
Nach dem Motto: wer wagt, gewinnt. Karl wagt, riskiert, betritt mutig den Vorhof des Kriminellen. Aber nur den Vorhof, er behält die Kontrolle über seine Spielzüge, vor-, seit- und rückwärts. Das Studium stört nur noch, er steigt von einem Geschäft in das nächste um, findet seine Mitwirkenden, Männlein und Weiblein, Typen, die man an der nächsten Sushi-Bar trifft, wobei die straff gehaltene, präzise Sprache, der sichere Stil satirische Lichter setzt. Die Gesamtszenerie aus der modernen Geschäftswelt integriert, wie sollte es anders sein, den Golfplatz, Fitnesszentren sowie Sponsoren-Marketing oder Öko-Populismus und Muesli-Philosophie.
Man knüpft Beziehungen, führt die Hunde der Ministerin aus, trainiert sie für Rennen und ermauschelt sich fröhlich die begehrte und notwendige Getränkelizenz. Karl wird erfolgreich mit einem Kultprodukt, seinem Jung-und-Fit-Bier, das überall dabei ist: Formel-I-Rennen, den Olympischen Spielen, New York-Marathon, bei Fußball-, Golf- und Tennistournieren. Karl schafft ein Imperium und saniert seine Nachkommen. Und im Zenit wird der Unternehmer ohne Studienabschluss mit dem Professor honoris causa geehrt. Der Leser mag wiederholt über das profunde Wissen Geiselharts staunen, was die einzelnen Verfahrenstechniken angeht.
Wenn man dann auch noch einen Blick in die letzten zweieinhalb Seiten des Buches wirft, Danksagungen für alle Hilfsquellen und persönlichen Hilfestellungen, begreift man, dass eben diese auch für einen Schwachpunkt des Buches verantwortlich sind: ein wenig viel und zu ausführliches Prozedere für die Unkundigen, und das sind die meisten Leser. Dennoch eine amüsante Lektüre, eine augenzwinkernde Zeit- und Gesellschaftssatire, wobei das Know-how hinter den Kulissen ganz besonders die Altersgruppe der Protagonisten ansprechen dürfte.
Der Maschinenbauer Sebastian Kleinkrämer steht kurz vor der Pleite. Die Banken verweigern dem Familienunternehmen, das Anlagen für die Entsorgung von Sondermüll produziert, neue Kredite. Da kommt das Angebot des Schweizers Hugo Jäger zur rechten Zeit.
zeigenJäger glaubt, ein gesundes Unternehmen gekauft zu haben, muss aber recht bald feststellen, dass seine Vorgänger durch raffinierte Bilanztricks die Firma an den Rand des Ruins getrieben haben. Dennoch lässt sich Jäger nicht entmutigen und versucht, das Ruder herumzureißen. Doch leicht ist das nicht. Mit Elan kämpft er gegen Querulanten in der eigenen Firma, die ihm das Leben schwer machen. Eine Satire mit Sprachwitz, die sich jedoch manchmal in zu vielen Details verliert.
Dieses Buch, das weitgehend autobiographische Züge trägt, verdient vor allem das Urteil: ein ehrliches Buch. Der Verfasser gehört nicht zu der großen Gruppe der Schriftsteller und Politiker, die seit 1945 verkünden, sie seien stets Widerstandskämpfer gewesen, hätten schon 1939 das schlimme Kriegsende vorausgesehen, wären seit eh und je überzeugte Antinazis gewesen. Vielmehr schildert er (Geburtsjahrgang 1926), wie er und seine Altersgenossen, ja, die große Mehrheit des Volkes, weitgehend ohne Vorbehalte, einem Adolf Hitler und seinem Regime gefolgt sind. Weit entfernt von einem unkritischen Hurra-Patriotismus, schildert er die Ereignisse vor dem Krieg und vor allem während der Kriegszeit so, wie er und mit ihm die Volksmehrheit sie gesehen und bewertet haben.
zeigenHartwig erinnert an die jubelnde Begeisterung z. B. beim Einmarsch der Wehrmacht in Österreich, die Zeit der großen Siege an allen Fronten, dann aber auch an den Schock bei der Tragödie von Stalingrad und den sich mehr und mehr abzeichnenden Zusammenbruch. Dabei baut er persönliche Erlebnisse geschickt in die politisch-militärischen Zusammenhänge ein, so dass seine Arbeit weit mehr als ein (persönliches) Erlebnisbuch ist. Es ist daher alter, mittlerer und junger Generation warm zu empfehlen, nicht zuletzt den Jungen, die nach der Lektüre sicher von manchem Vorurteil und vielen Missverständnissen über die Vergangenheit befreit werden.
»Für die heutige Generation ist die Hitlerzeit mit ihrer Diktatur, ihrem Krieg und ihren Verbrechen unbegreiflich, da sie grundlegende Normen des menschlichen Zusammenlebens gröblich verletzt hat«, schreibt Bernd Hartwig, ehemals Vorsitzender des CDU-Stadtbezirksverbandes Bonn. Kinder und Kindeskinder wollten wissen, wie das alles möglich gewesen sei. Hartwig legt deshalb in seinem Buch »Die Dinge lagen damals anders« Zeugnis ab, schildert das Regime Adolf Hitlers aus seiner Sicht als Heranwachsender und ordnet die Erlebnisse in den historischen Kontext ein. Der promovierte Jurist, der lange im Bundesverteidigungsministerium arbeitete, will damit die Generationenkluft überbrücken und verständlich machen, was die Menschen in den Jahren 1933 bis 1945 bewegte.
zeigenHartwig berichtet schnörkellos, manchmal fast tagebuchartig, und erinnert sich an viele Kleinigkeiten. Die Gefühle, Ideen und Verirrungen seiner Zeit gibt er kritisch wieder, ohne sich ständig zu rechtfertigen. 1926 wurde Bernd Hartwig in Lübeck geboren. Zu seinen Kindheitserinnerungen gehört, dass er Wehrmachts-Figuren sammelte und die Bilder-Schecks aus Zigarettenpackungen. »Beide Reemtsma-Alben bedeuteten mir damals viel, vor allem der Bildband ›Adolf Hitler‹. Nicht nur, dass ich die 210 Bilder mit viel Liebe und Sorgfalt einklebte, der Führer war auch für mich das große Idol.« Hartwigs Eltern waren national eingestellt, verbunden mit sozialem Verantwortungsbewusstsein. Sie waren entsetzt von der Gewalt der SA in der Pogromnacht: »Zwar hatten sie weder jüdische Freunde noch jüdische Bekannte; gleichwohl widersprach die Aktion ihren Vorstellungen von Sitte und Anstand. Ich wusste nicht, wie ich dieses Bild der Verwüstung mit meinen Vorstellungen vom Dritten Reich in Einklang bringen sollte.«
Hartwig schildert Propaganda und Kriegsbeginn, Schüleralltag bei der Flak und Gefangenschaft. »Für die Abkehr vom Regime benötigte ich einige Zeit, die Hinwendung zur rechtsstaatlichen Ordnung war dafür umso nachhaltiger«, sagt er rückblickend. »Dass wir von Hitler fasziniert waren, dass wir seinem unerhörten Charisma (Ingmar Bergmann) erlegen sind und diesem Mann willig folgten, ist unbestreitbar. Es wäre jedoch falsch zu glauben, dass meine Generation für eine Person wie Adolf Hitler besonders empfänglich gewesen wäre«, zieht Hartwig schließlich Bilanz. Auch heute sei die Welt voller Krieg und Völkermord, die Menschen hätten nichts daraus gelernt.
Der Autor füllt in seinem Buch das Unbegreifliche mit Alltagseindrücken und gibt Antworten auf die Frage »Wie war das damals?«. Dabei schreibt er die Geschichte des Nationalsozialismus nicht neu, aber aus einem neuen, ganz persönlichen Blickwinkel.
Man frage einmal die Leute, was sie über das 17. Jahrhundert wissen. Wohl gar nichts. Es war, auch aus Braunschweiger Sicht, ein Jahrhundert der Hungersnöte, Seuchen und Grausamkeiten. Das Braunschweiger Ehepaar Jürgen Neubaur und Angelika Neubaur-Stolte hat dieses Leiden, diese Exzesse, aber auch die Hoffnungen im und nach dem Dreißigjährigen Krieg in einem historischen Roman beschrieben.
zeigenEs ist erst einmal ein Roman über einen Vorfahren Jürgen Neubaurs, über Balzer Niebvur, der sich ab 1659 Neubaur nannte. Dessen lebensgroßes Porträt und der von Niebur gestiftete Hochaltar sind noch heute in der Dorfkirche von Deesdorf bei Halberstadt zu besichtigen. Zwei Jahre hat Jürgen Neubaur in dieser Figur des Balzer Niebur gelebt. Dieser Held, das ist das Tröstliche, findet nach Jahren der Angst in Hamburg und Amsterdam sein Zuhause. Am Ende kommt Niebur im Kurfürstentum Brandenburg zu Wohlstand und Ansehen. In monatelangen Recherchen – ausgewertet wurden zahlreiche Urkunden und Briefe des 17. Jahrhunderts – stimmten sich die Autoren auf ihre Zeitreise ein. Alle genannten Brandschatzer, Heeresführer und Fürsten, darunter der Plünderer Herzog Christian zu Braunschweig-Lüneburg, sind authentisch. Wahrheitsgemäß in allen furchtbaren Details beschrieben werden die Pest des Jahres 1627 in Wolfenbüttel, das Niederbrennen Magdeburgs vier Jahre später, ganze Gemetzel und Schlachten – beschönigt wird nichts. Es ist ein Roman von sage und schreibe 736 Seiten – ein Umfang, der einen Leser schon mal versenken kann. Aber Jürgen Neubaur hält auf wundersame Weise und mit poetischer Sprache den Spannungsbogen. Welcher Arzt kann schon so schön in langen, geschwungenen Sätzen schreiben! Es ist auch ein Roman über eine Frau Katharina Niebur. Sie beschützt mit aller Kraft das Leben des von ihr geretteten Neffen Balzer.
Blut, muss der Leser wissen, kann auf jeder Seite fließen. Zum Beispiel auf Seite 636, wo Balzer Niebur sich wegen einer Frau duelliert, »wobei Balzer die gegnerische Klinge so in die rechte Schulter hineingestoßen bekam, dass ihre Spitze wieder herausblitzte«. Aber gleichzeitig traf Balzer seinen Konkurrenten links in die Brust, genau ins Herz.
Das ganze Buch rührt ans Herz – es geht schließlich um Tod und Leben. Es war halt nicht der Stoff für einen seichten Heimatroman. Gerade, weil der Tod damals so nahe war, ist es ein Buch der tiefsten Sehnsucht nach Liebe und Normalität. Und: Wir wissen nun viel mehr über das 17. Jahrhundert.
»Und da fürchtete sich Bertchen, das kleine Küken, sehr«, erzählt die ältere Dame, um die sich eine Kinderschar versammelt hat. Mit großen Augen lauschen die Kleinen den Abenteuern des Federknäuls Bertchen. Die vierjährige Eva schmiegt sich dicht an die Märchentante, während der gleichaltrige Paul aufgeregt an ihrem Rock zupft. »Ich habe auch schon mal ein Küken gesehen«, ruft er. Der Blick der Vorlesenden richtet sich freundlich auf ihn. »Oh, das ist schön. Erzähl uns davon!«
zeigenWeißes Haar, ein gütiges Gesicht, eine Stimme, der man gerne zuhört und eine mollige Figur, die zum Ankuscheln einlädt – so sehen die Märchentanten in Kinderfilmen aus. Es gibt sie auch im wirklichen Leben – Retzi Kerff ist eine von ihnen, nur so mollig wie ihre Ebenbilder im Fernsehen ist sie nicht.
Die Aachenerin ist Geschichtenerzählerin aus Leidenschaft. Schon als Kind hat sie sich Märchen ausgedacht und den jüngeren Geschwistern erzählt. Und das in einer Zeit, die im Grunde keinen Platz ließ für kindliche Fantasien. »Trotz der harten Kriegsjahre bin ich nie in eine Scheinwelt geflüchtet. Meine Geschichten gehen nicht am Leben vorbei, denn Kinder sollen ja lernen, wie das Leben ist«, sagt Retzi Kerff und lädt mich ein, auf dem gemütlichen Sofa neben ihr Platz zu nehmen. »Darf ich Ihnen meine Lieblingsgeschichten erzählen«, fragt sie und zwinkert der Besucherin über den Rand ihrer Brille so vergnügt zu, dass sie sich gespannt nach vorne beugt, um den abenteuerlichen Geschichten zu lauschen. Retzi Kerff erzählt, als wäre sie tatsächlich dabei gewesen. Woher nimmt sie die Ideen, woher weiß sie so genau, wie Kinder denken, reden und fühlen? Und wieso versteht sie Tiere so gut? »Ich beobachte eben sehr genau«, ist ihre leise Antwort.
Oft sucht die Märchentante den Kontakt zu Kindern, spricht sie an und lässt sich von ihnen ihre Alltagseindrücke schildern. Das Gehörte vermischt sie dann mit ihren eigenen Erlebnissen und Problematiken. Sie recherchiert sehr genau. Besonders das Schicksal elternloser Kinder hat es der rüstigen 72jährigen angetan. »Mein Mann Albert und ich haben uns so sehr ein Kind gewünscht, aber es hat nicht geklappt«, erzählt sie und seufzt. »Glücklicherweise bin ich immer so beschäftigt, dass ich keine Zeit habe, traurig zu sein.«
Nachlesen kann man eine von Retzi Kerffs Findelkind-Geschichten in dem Buch »Geheimnis um Babsi. Kämpfe um Babsi«, das die tatkräftige Märchenautorin im Karin Fischer Verlag Aachen veröffentlicht hat. Eine Fortsetzung hat sie auch schon geplant, »doch ich muß mal sehen, wann ich dazu Zeit finde, denn ich muss ja auch noch meine Basare vorbereiten.« Seit mehr als draißig Jahren sammelt sie Kleidung für notleidende Kinder und veanstaltet jedes Jahr Weihnachtsbasare, auf denen sie Berge selbstgebackener Plätzchen, Marmelade und liebevoll gestaltete Präsentkörbe verkauft, deren Erlös auch für arme Kinder bestimmt ist. Auf die Frage, warum sie sich so einsetzt, überlegt sie kurz, lächelt und sagt dann: »Ich bin einfach so.«
Aufregung im Mietshaus: Frau Heimbach findet eines Morgens vor ihrer Wohnungstür eine große braune Tasche. Darin – ein ausgesetztes Baby. Keine Frage, Frau Heimbach wird sich um das arme Ding kümmern. Nur, was ist, wenn die Mutter es eines Tages zurückfordert ...
zeigenDie Autorin Retzi Kerff (72) hat selbst keine Kinder, engagiert sich aber in ihrer Heimatstadt Aachen und in Düren seit zwanzig Jahren für Not leidende Kinder: durch Basare, Schulspeisungen, diverse Hilfen. Jetzt hat sie ein entzückendes Buch veröffentlicht.
Der Professor hat ein Buch über Spielsucht geschrieben. »Roulette« ist der Titel dieses Protokolls einer Selbstzerstörung, das zum Teil auch auf eigenen Erfahrungen basiert. Verfremdung und Gegenständlichkeit sind für ihn nicht unbedingt Gegensätze – weder in der Malerei noch im Schreiben. Ernst Varnholt, Architekt und Maler, präsentierte im Herbst letzten Jahres seinen Bilderzyklus »Manhattan«, der New Yorker Monumenten wie dem World Trade Center, dem Empire State Building oder der Brooklyn-Bridge wuchtiges und gleichzeitig transparentes Profil verlieh.
zeigenWie in dieser Ausstellung zeigt der 1930 in Gütersloh geborene Künstler, der seit 1959 in Aachen lebt und arbeitet, auch in seinem Buch, dass er Erfahrung und Distanzierung in kreativer Weise zu verarbeiten weiß. »Roulette – Protokoll einer Selbstzerstörung« lautet der Titel des signalroten Bändchens, das die Leser an allen Stationen der Spielsucht teilhaben lässt. Varnholt, der 20 Jahre lang an der FH Mainz Architektur lehrte, hat keinen Roman verfasst, sondern ein minuziöses Protokoll angefertigt, das auch die dubiose Rolle von Staat, Spielbankbetreibern und verharmlosender Werbung anprangert. Die »Nachrichten« sprachen mit Varnholt über Suche und Sucht, Wahn und Wirklichkeit, Macht und Ohnmacht.
Wahres Horrorgemälde
Kühl und distanziert wirkt Varnholts »Konglomerat aus eigenen und fremden Suchterfahrungen« mit der geheimen Sucht, die seltsamerweise wenig in Literatur und Film thematisiert wird, und wenn doch, dann eher oberflächlich. »Ich kenne das Metier«, bekennt der Autor. Allerdings möchte er nicht verwechselt werden mit dem Ich-Erzähler, der zum willenlosen Spielball seiner Sucht wird und im Elend endet. Der engagierte Tagebuchschreiber Varnholt wollte sich schon immer literarisch erproben. Das Thema reizte ihn, ein wahres »Horrorgemälde« stand ihm vor Augen, nur vergleichbar mit den Abstürzen von Fixern und Alkoholikern. »Ohne Bedenken werben die Casinos mit Lock-Veranstaltungen und dem scheinbar weltläufigen Flair. Als sei Roulette ein unverbindlichen Vergnügen statt eines gefährlichen Soges, der schon viele in den Ruin getrieben hat.«
Der Künstler spricht offen von seinen »lustvollen wie schmerzhaften Erfahrungen«, aber auch vom Vergnügen, mit seinem Protokoll »in ein anderes Ich zu schlüpfen«. Er hat das Suchtrisiko kennen gelernt, ist der selbstzerstörerischen Gefahr begegnet, ohne selbst einem »exzessiven Doppelleben« anheim zu fallen wie die Spielerfigur im Buch. Varnholt sieht sich als Warner, doch er weiß auch, dass er eher ein ungehörter Rufer in der Wüste bleiben wird. »Spieler können – ähnlich den Alkoholikern – clean werden, aber sie bleiben immer gefährdet.«
Scharf attackiert der Szenekenner die Rolle des Staates: »Das Spielcasino, diese protzige Manifestation von Halb- und Scheinwelt, bezieht seine öffentliche Legitimation aus einer extrem hohen Besteuerung. Etwa 80 Prozent der Tageseinnahmen fließen pro Abend in den Staatssäckel. Verliert das Casino, was gelegentlich vorkommt, gibt’s nichts zurück. Dennoch ist das Gesamtergebnis für Spielbank und Staat positiv« (sinngemäß in Varnholts Buch). Die Rolle des Staates sei mit der des Zuhälters vergleichbar. Denn er bereichert sich daran, obwohl von Staat und Öffentlcihkeit ein eindeutiges moralisches Urteil über den »haltlosen Zocker« gefällt wird.
Wie eine Droge
Die wenigen nicht süchtigen »Gelegenheitsspieler« kaschieren also die Tragödien, die zum Verlust von »Haus und Hof«, also der Existenz und jedweder Würde führen? Der Autor ist davon überzeugt, denn »Roulette wirkt wie eine Droge, deren Dosis der Spieler ständig erhöhen muss.« Und die Droge bezieht sich auf das Risiko, das wie in einer grotesken Machtprobe gesteigert wird. »Als Spieler bin ich ein Irrer. Realitätsbewusstsein ist dann nicht meine Sache«, berichtet der Ich-Erzähler im Buch. Der Wirklichkeitsverlust ist schockierend dargestellt. Sogar die Selbstsperrung in heimischen Casinos kann Spieler nicht daran hindern, buchstäblich grenzüberschreitend die Stätten ihrer Sucht aufzusuchen. Zwischen Wahn und Wirklichkeit entwickelt sich oft ein Vabanque-Spiel mit tödlichem Risiko, Selbstmord nicht ausgeschlossen. Der klassische Croupiersatz »Rien ne va plus« gewinnt dann eine neue schreckliche Bedeutung.
Überraschende Reaktionen auf Ernst Varnholts aufrüttelndes Buch
Schreiben ist für ihn eine »lustvolle Quälerei«
Von den Reaktionen auf sein Buch war der 71-Jährige fasziniert, erstaunt und zuweilen auch amüsiert. »Viele meinen, dass die Figur im Buch und ich eine einzige Person sind. Anscheinend weckt es großes Interesse und wohl auch Neugier – besonders im Bekanntenkreis –, wenn solche Vermutungen auftauchen.« Fehlt nur noch, dass Varnholt gefragt wird, ob er denn jetzt im Elend lebe wie sein namenloser Protagonist.
Der Autor fühlt sich sichtlich wohl iin seiner schönen Stadtwohnung, in der kein Faxgerät, kein CD-Player oder Computer zu finden ist. »Ich bin ein altmodischer Mensch«, lächelt der vielseitige Künstler, dessen Bilder – zum Teil in seiner Wohnung »ausgestellt« – den Betrachter spontan anziehen. Er liebt Klassik und Jazz – ein alter Plattenspieler tut da gute Dienste.
Den Traum vom Schreiben hat er sich nun mit seinem ersten Buch erfüllt. Lange hat er daran gearbeitet, »tausendmal alles neu geordnet« und vorher viele Gespräche mit Betroffenen geführt. »Jede kreative Tätigkeit bedeutet lustvolle Quälerei«, hat Varnholt festgestellt – was ihn wahrscheinlich nicht daran hindern wird, sich weiter zu quälen.
»Ganz allein« lautet der Titel der äußerst spannenden, teils autobiographischen Fluchtgeschichte von Sabine Welsch-Lehmann. Sabrina, ein Berliner Mädel, wird 1944 von ihren Eltern in Ostpreußen bei Verwandten vor Bombenangriffen in Sicherheit gebracht. Als sie dort mit ihrem Dackel Sabinchen ankommt, sieht sich die Fünfjährige auf einem gräflichen Gut, doch ihre adlige Verwandtschaft hat nichts für das Mädchen übrig. Sie leben trotz Krieg in ihrer heilen Welt, und als diese »überraschend« zusammenbricht, setzen die Herrschaften, jeder für sich alleine, ihre Leben ein Ende und lassen so bedenkenlos ihre kleine Verwandte schutzlos zurück. Doch Sabrina begibt sich mit ihrem Dackelchen selbständig auf die Flucht.
zeigenDer Autorin gelingt es sehr gut, Erlebtes aus der Sicht eines Kindes zu beschreiben. Der Leser sieht mit den Augen des Mädchens, wie Graf Meinhard schwülstig seiner Edelgard die Liebe gesteht und ihre Verwandten die Notlage ignorieren. Auch die Flucht ist einmalig spannend beschrieben. Stets denkt man, dass bei den herankommenden Gefahren Sabrina nicht überlebt, doch irgendwie schafft es das tapfere Mädchen immer wieder, der Todesgefahr zu entkommen. Sie schließt sich den verschiedensten Menschen auf ihrer Flucht zu ihren Eltern an, und häufig ist sie die einzig Überlebende in dem tragischen Geschehen. Man fiebert mit dem Kind den Eltern entgegen, muss aber ärgerlicherweise feststellen, dass das Buch kurz vor Sabrinas Heimkehr endet. Allerdings erscheint im Sommer der zweite Teil des Buches, und dann wird sich zeigen, ob Sabrina ihre Eltern wieder findet.
Eine ebenso kunstvoll-poetische wie fesselnde Geschichte für lange Winterabende hat jetzt der in der Nähe von Weißenburg lebende Autor und Journalist Cornel Diederichs vorgelegt. Sein neues Buch »Die Talbrücke« ist eine in die deutsche Provinz verlegte Neufassung der Sage vom »reinen Toren« Parzival und der naiv-unerschrockenen Suche nach menschlicher Nähe und sinnvollen Aufgaben in einer Welt, die weithin von ganz anderen Wertvorstellungen beherrscht wird.
zeigen»Parzival« heißt bei Cornel Diederichs Fritz Feilenbrecher. Nachdem es allerlei Turbulenzen überstanden hat, ist dessen Lebens-Schiff an der bretonischen Küste gestrandet. Fern der Heimat, am französischen Kamin eines einsam gelegenen Landhauses, erzählt er einem (imaginären) englischen Gast vom Erfahrenen.
Es sind sehr behutsam formulierte Sätze, die Diederichs seinem Protagonisten in den Mund legt. Sehr plastisch und detailgenau werden Schauplätze und Personen beschrieben. Sogar die gelegentlichen Abschweifungen erweisen sich in der Folge als notwendige Bestandteile des Berichts, die den Leser immer wieder auf den alles andere als sagenhaften sozialen Hintergrund des Erzählten hinweisen. So wird etwa schnell klar, dass Fritz Feilenbrecher von seinem ersten Tag an ein sozial Stigmatisierter ist.
Er wächst auf in der Einöde, dessen Abgeschiedenheit er viele Jahre lang lediglich mit seiner schwer arbeitenden Großmutter und einigen Ziegen teilt. Seinen Vater hat er nie gekannt und für seine andernorts gebundene Mutter ist er die Folge einer Jugendtorheit. Im »Land der kalten Herzen« bleibt Feilenbrecher ein ewiger Außenseiter, das Opfer von Vorurteilen und übler Nachrede. Da er so etwas wie Solidarität in der Gruppe nicht kennt, denkt er nie an gezielte Gegenwehr. Er steht draußen, betrachtet das Treiben der Mehrheit aus der Distanz. Anfangs wirbt er noch um die Anerkennung der Insider, dann gibt er es auf, sucht nach Alternativen am Rande, im Privaten, in der Zweisamkeit gegen den Rest der Welt.
Doch der modernen »Gral«-Suche sind überall enge Grenzen gesetzt. Fritz verliebt sich unsterblich, er wird zum Ritter der Landstraße, aber die Liebe ist flüchtig und die kleine Freiheit des Aussteigers währt nicht lange.
Die höchst bemerkenswerte neue Erzählung des mittlerweile 70-jährigen Autors ist nicht zuletzt ein gelungener Beitrag zur Psycho-Pathologie der (west-)deutschen Wirklichkeit zwischen 1945 und 1990.
Ernst Robert Curtius (1886–1956) war einer der wirkungsmächtigsten Intellektuellen der Weimarer Republik, der auch nach 1945 wieder seine Stimme erhob und sich für die Bewahrung der westlichen Kultur starkmachte. Diese Kultur sah er seit dem Ende des Ersten Weltkriegs von unterschiedlichen Mächten bedroht, deren widerwärtigste in seinen Augen Bolschewismus und Soziologie, oder, anders ausgedrückt, Plebejertum und Unbildung hießen. An Sammelbänden, Monographien und Aufsätzen, die sich mit Curtius befassen, fehlt es bis in die jüngste Zeit nicht. Seine Faszination ist ungebrochen, denn viele Geisteswissenschaftler sind Romantiker und träumen von einer Zeit, als die Ereignisse der Gelehrtenrepublik mindestens genauso wichtig waren wie die der wirklichen Respublicae.
zeigenVor zwei Jahren hat die französische Germanistin Christine Jacquemard-de Gemeaux in einer Studie (»Ernst Robert Curtius (1886–1956). Origines et cheminements d’un esprit européen«, Bern: Peter Lang, 1998) fast das gleiche Thema behandelt wie der Aachener Komparatist und Verleger Fischer. Während Jacquemard-de Gemeaux in ihrer sorgfältigen und aufwendigen Recherche nicht nur die Publikationen, sondern auch bisher unbekannte Briefe von Curtius an seine französischen Freunde befragt hat, stützt sich Fischer allein auf die wichtigsten Schriften Curtius’ und komm mit etwa achtzig Druckseiten aus. Beide Autoren kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Curtius war ein eingefleischter Bildungsbürger und zugleich ein verspäteter Romantiker. Er war davon überzeugt, die Literatur und ihre Erschließung durch Philologie und Literaturkritik vermöchte auch dem modernen Menschen Instrumente zur Krisenbewältigung im Alltag an die Hand geben. Ein wichtiger Unterschied in beiden Arbeiten besteht darin, daß Jacquemard-de Gemeaux im ganzen Oeuvre Curtius’ eine durchgehende Linie zu erkennen glaubt, einen ungebrochenen Europäismus, der sich nur unmerklich wandelte, während Fischer prägnanter die Brüche in seinem Denken herausarbeitet. Dafür werden bei Fischer alle biographischen Details ausgeblendet, die jedoch nicht unwichtig sind, wenn man bedenkt, daß Curtius, der bereits als Sechsjähriger mehrere Wochen in England zubrachte, als Elsässer mit einer frankophilen Basler Mutter für den Europagedanken von Kindesbeinen an besonders sensibilisiert war.
Fischer legt mit seinem eher schmalen Büchlein, das man zu Recht einen Essay nennen darf, einen Beweis vor, daß eine recht verstandene imagologische Komparatistik durchaus ideologiekritisch sein kann. Schade, daß er seine Polemik gegen den Duisburger Romanisten Raimund Theis (S. 13f.) nicht fortgelassen hat. Hiermit läuft er offene Türen ein, denn kein methodenbewußter Literaturwissenschaftler wird der Imagologie, die sich als Vorurteilsforschung zur Herausarbeit von Eigen- und Fremdbildern bekennt und gerade zum Abbau von Stereotypen und Klischees beitragen will, die die Verständigung der Nationen trüben, Kapitulation vor der politischen Verantwortung, Anleitung zur Orientierungslosigkeit oder gar Verteufelung wissenschaftlicher Erfassung nationaler Charakteristika vorwerfen, wie Theis dies offensichtlich getan hat (S. 14).
Kehren wir zu Curtius zurück. Ihm ist darin zuzustimmen, daß der Erste Weltkrieg mehr als ein Kampf um wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft war und einen radikalen humanitären Bruch, zugleich eine fundamentale Krise des abendländischen Humanismus bedeutete. Die vor allem aus Frankreich kommende Aufklärung hatte diesen Krieg nicht verhindern können, der die planetarischen Mächte Amerika und Sowjetrußland stärkte und letztlich ein Ende des Eurozentrismus bedeutete. Fortan sah Curtius sein geliebtes Europa, die Wiege der Zivilisation, bedroht. Einmal von außen, womit die slawischen und asiatischen Einflüsse gemeint waren, die mit dem Sozialismus und der Oktoberrevolution als Derivat der französischen Aufklärung angesehen wurden, später aber auch die amerikanische Mechanisierung, die schon Baudelaire vorausgesehen habe. Die Bedrohung von innen resultiere aus der deutsch-französischen Entfremdung, die es zu beseitigen gelte. Beide Länder müssten aufeinander zugehen, und auch das klassizistisch orientierte kartesianische Frankreich müsse sich wandeln und assimilieren. Es dürfe nicht länger die Auffassung vertreten, seine Kultur sei universal, sein Geist das Zentralorgan der Menschheit und Deutschland die Verkörperung eines unmenschlichen Barbarentums. Spätestens mit »Deutscher Geist in Gefahr« (1932) habe Curtius den Glauben an eine Aussöhnung verloren. Dafür gib es in der Tat wichtige Belege: »Dieser doppelte Vorgang – Lösung von Frankreich und Verbindung mit Italien – wirkt sich natürlich so aus, dass im einen wie im anderen Fall beide Partner aktiv daran beteiligt sind. Wenn z.B. der neuerwachte deutsche Nationalismus die kulturellen Beziehungen zu Frankreich abbricht, so entspricht dem auf der Gegenseite die in der letzten Zeit immer deutlich hervortretende Abneigung Frankreichs, ein positives deutsch-französisches ins Auge zu fassen. Beide Haltungen entsprechen sich und verstärken sich gegenseitig« (ebd., S. 48).
Die deutsch-französische Aussöhnung und Annäherung aus dem Geist von Locarno heraus war Curtius zufolge gescheitert. Abwehr der inneren wie äußeren Gefahren sollte jetzt durch einen romantischen Medievalismus à la Adam Müller oder Leopold von Ranke, der im Extremfall Konversionen zum Katholizismus und Errichtung eines Ständestaates nach spanischem Muster bedeutet hätte, erfolgen. So weit ist Curtius dann doch nicht gegangen, er hat die Grundmelodie des Humanismus betont und die Oberstimme der Politik nach 1933 abrupt zum Schweigen gebracht. Aber wenn »Deutscher Geist in Gefahr« 1932 erschien, gab das Werk zu Mißdeutungen Anlaß, auch wenn sein Verfasser mitnichten einer Nähe zum Nationalsozialismus verdächtigt werden darf. Curtius hob aber, und das arbeitet Fischer deutlich heraus, zu sehr auf den deutschen Individualismus bzw. die französische Soziabilität ab. Curtius schätzte die Situation allerdings falsch ein, wenn er von einer Wiederbelebung des abendländischen Humanismus eine Heilung der Krisen, vor allem eine Zurückdrängung jeglichen Nationalismus und Kulturhasses erwartete. Er wollte der sozialistischen wie der faschistischen Internationale eine geistige Internationale entgegensetzen. Doch sein neuer Humanismus sollte bewusst nicht mehr an Antike und Renaissance anknüpfen, sondern an das Mittelalter. Dieser Medievalismus war restaurativ und konnte sich schon deshalb nicht durchsetzen, weil er in gefährliche, wenngleich ungewollte Konkurrenz zum Nationalsozialismus geriet. Fischer schließt damit, daß Curtius nach 1945 das Scheitern seiner Ideen zugab. Jetzt könne man nicht mehr für den Humanismus plädieren, so wenig wie für die Wiedereinführung des Spinnrades oder für die Abschaffung des Rundfunks. Die antike Kultur sei zwar so schön wie je, aber sie sei, wie die Psychoanalytiker sagen würden, nicht mehr mit Libido besetzt. Europa müsse sich mit Amerika kulturell arrangieren, es müsse aus dem engen Europäismus heraus. Hier wird nun doch noch, allerdings zu spät, einer planetarischen Wende das Wort geredet, was eine Absage an alle anderslautenden früheren Äußerungen bedeutet. Curtius hat zwar nicht, wie er es gerne gewollt hätte, in die Welt hineingewirkt und sie in seinem Sinne umgestaltet. Dafür waren seine Konzepte zu elitär und damit unbrauchbar. Aber er hat mit seinem letzten großen Buch »Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter« einen Bildungsklassiker verfaßt, an dem sich Generationen von Philologen seitdem messen lassen müssen. Fischers Essay vermag auch dem, der Curtius gar nicht oder nur als Philologen kennt, Appetit auf eine Lektüre seiner frühen Veröffentlichungen zu machen. Er wird einem »homo eruditus et politicus« begegnen, der immer nach einem Ausgleich zwischen Bildung, Politik und Moral strebte, und er wird vielleicht bedauern, dass dieser Gelehrtentyp heute weitgehend ausgestorben ist.