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Schönfelder, Irmintraud

Irmintraud Schönfelder war viereinhalb Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. In »Kerben im Holz« schildert sie sowohl alltägliche wie auch erschütternde Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, die sie besonders berührt, beschäftigt und geprägt haben. Als Zeitzeugin lädt sie die Leserinnen und Leser ein, nicht nur in ihre persönliche Geschichte, sondern zugleich auch in ein Stück Zeitgeschichte einzutauchen.

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Ein kurzes Interview mit der Autorin zum Buch:

Nach dem Tod meiner Eltern tauchten bei mir oft Fragen auf, die ich ihnen, als sie noch lebten, hätte stellen sollen und die nun offen bleiben mussten. Dabei fiel mir auf, dass auch meine drei erwachsenen Kinder wenig über ihre »Wurzeln« gefragt hatten und also wenig über meine Lebensgeschichte und die Familiengeschichte wussten. Indem ich über meine Kindheit und Jugend schrieb,wollte ich ihnen so private Informationen, sozusagen Antworten auf mögliche Fragen hinterlassen, wenn sie mich nicht mehr fragen konnten.
Während des Schreibens veränderte sich meine Perspektive und es wurde mehr zu einer Auseinandersetzung von mir über meine eigene Vergangenheit, besonders da ich auch Ereignisse beschrieb, über die ich noch nie mit irgendwem gesprochen hatte und die ich so »ungeplant« aufarbeitete. Durch die schwere Krankheit und den Tod meiner Schwester bestimmten schließlich aktuelle Erfordernisse mein Leben. So hatte ich die Aufzeichnungen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich weggelegt.
Nach eineinhalb Jahren dachte ich – da ich irgendwie an »Geordnetes« gewöhnt bin –,dass ich sie wenigstens zu einem Abschluss bringen sollte. Nun muss ich sagen, dass ich kein »Computerheld« bin, und mir rutschten ein Teil der Aussagen weg. Meine Kinder wussten, was ich da nachts schrieb, und holten mir problemlos das Verlorene wieder an Land. Natürlich lasen sie es auch dabei und waren der Meinung, dass es über unsere Familiengeschichte weit hinaus ginge und den Zeitgeist widerspiegelte. Sie sagten, es wäre für die »Familienschublade« zu schade und ich sollte es veröffentlichen. Daraufhin gab ich einige Kapitel einem älteren Ehepaar, einem mittelalten Freund und einem mir nahestehenden Mädchen zum Lesen, allesamt Menschen, die mir ehrlich ihre Meinung sagen würden. Ihre Antworten passten zu den Worten meiner Kinder. Entscheidend war dann aber letztlich ein Artikel von Edgar Reitz über das Anschreiben gegen das Vergessen mit dem Titel »Schreiben gegen das Verschwinden«, ein Apell an die wegsterbende Generation, zu der ich gehöre. Nur wenn eine Vielzahl von persönlichen Geschichten die Zeit schildert, kann für die Nachfolgenden ein Gespür von dem Lebensgefühl , den ausgesprochenen und unausgesprochenen Tabus jener Zeit, eben dem Zeitgeist dieser Epoche erhalten bleiben. Das überzeugte mich und änderte so noch einmal meine Perspektive. Trotzdem blieb die Skepsis, ob ein Verlag überhaupt Interesse zeigen würde. Ich schickte ein kurzes Skript an sechs ziemlich willkürlich ausgesuchte Verlage. Drei baten umgehend um den gesamten Text und äußerten ihr Interesse, einer davon war der Karin Fischer Verlag.

Ist dies Ihre erste Veröffentlichung?
Es ist meine erste Veröffentlichung durch einen Verlag. Allerdings habe ich ein Büchlein für den Schulunterricht geschrieben, dass die Volkshochschule Peine veröffentlichte für Schulen mit dem Titel »Muckefuck aufs Pausenbrot«, zu dem ich auch Lehrmaterial entwickelte und zusammen mit meiner Tochter Lehrerfortbildung durchführte. Die Braunschweiger Zeitung berichtete darüber.
Schreiben Sie schon länger?
Unabhängig davon habe ich schon immer bei mich bewegenden Ereignissen in meinem Leben mit Schreiben reagiert. Aber diese Aufzeichnungen geschehen nur für mich selbst und helfen mir die neue Situation in ihrer Tragweite zu fühlen, zu strukturieren und so besser in den Griff zu bekommen. Beispiele sind z.B. die Geburt meiner Zwillinge (… ein neues Lebensgefühl) oder der plötzlich bei einem Routine-Spaziergang mit dem Hund in der Feldmark auftretende Thrombus im Herzvorhof (erste Fast-Todeserfahrung und die Erfahrung, welche Kräfte man hat, nicht sterben zu wollen).
Außerdem schreibe ich jedes Jahr an Silvester, was mir vom vergangenen Jahr durch den Kopf schießt (auch nur für mich und recht emotional). So habe ich ein »Silvesterbuch«, in dem ich auch nur am Silvesterabend über frühere Silvester lese und mich erinnern lasse an Dinge, die ich schon weit hinter mir gelassen habe.
Haben Sie bereits ein neues Buch in Planung? Falls ja: Können Sie schon etwas darüber verraten?
Unterdessen habe ich Spass gefunden am Hochholen von Erinnerungen und kann mir ein Buch über meine Referendarzeit – damals hieß es »Junglehrerzeit« – durchaus vorstellen. Nach dem Studium ohne Erfahrung wurde ich per Telegramm in meine erste Lehrerstelle geschickt. Zwei Lehrkräfte waren plötzlich ausgefallen und ich war von einem Tag zum anderen alleiniger Lehrer, Leiterin einer Schule mit 57 Kindern in zwei Klassenräumen. Alle pädagogischen Vorstellungen, die ich vom Studium mitbrachte, waren utopisch und nur hinderlich, ich kämpfte ums Überleben und weinte mich oft in den Schlaf. Allerdings lernte ich dort später auch, wie einen ein Dorf tragen und stützen kann, wie sehr ich die Selbständigkeit für pädagogische Ziele einsetzen konnte und liebte mein Lehrerdasein. Dort machte ich nebenbei angemerkt auch mein zweites Staatsexamen mit sehr gut. Da ich später fast zehn Jahre als Seminarleiterin für Schulpädagogik Referendare ausgebildet und durchs zweite Staatsexamen geführt habe, kann ich die Welten, die dazwischen lagen, durchaus ermessen. Aus heutiger Sicht waren es unzumutbare Umstände, nach dem Krieg sah man es anders. Die Erinnerung an die vielen Rechtsvorschriften, die ich nicht gekannt und fröhlich gebrochen habe, lässt mich auch jetzt noch schmunzeln.
Wo schreiben Sie am liebsten? Haben Sie dabei bestimmte Schreibrituale?
Ich schreibe am liebsten gemütlich im Sessel sitzend, wenn ich eh nicht schlafen kann. Am nächsten Vormittag tippe ich das Ganze unverändert in den Computer.
Haben Sie manchmal Schreibblockaden? Was tun Sie, um diese zu lösen?
Da ich keinerlei äußeren Druck dabei habe – ich kann schreiben oder es auch lassen – gibt es auch nicht so etwas wie eine Schreibblockade.
Was lesen Sie selbst gerne für Bücher? Was ist Ihr Lieblingsbuch?
Ich lese sehr unterschiedliche Bücher. Ich liebe die Bücher von Dörte Hansen wegen der Darstellung von Menschen in ihrer Eigenart und in ihrer Landschaft, aber auch wegen der kaftvollen Sprache dieser Autorin. Das Buch »Der Salzpfad« hat mich sehr beeindruckt. Auch das Buch »Der Wal und das Ende der Welt«, das ich schon vor ein bis zwei Jahren las, fällt mir bei dieser Aufzählung ein. Andreas Kieling »Ein deutscher Wandersommer« spricht mich mit seinenGrenzerinnerungen an und Hape Kerkeling mag ich sowieso und nicht nur sein Buch »Ich bin dann mal weg«. Eliabeth Strout »Mit Blick aufs Meer« ist leichtere Kost, aber von mir sehr geschätzt.
Welches Buch liegt aktuell auf Ihrem Nachttisch?
Auf meinem Nachttisch liegt augenblicklich »Über Land«, der dritte Teil zu der Salzpfad. Schon jetzt weiß ich beim Lesen, dass er – was selten bei Fortsetzungen ist – nicht hinter dem ersten zurücksteht und zu meinen Favoriten gehören wird.
Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?
Meine Freizeitgestaltung ist zur Zeit durch zwei Umstände stark eingeschränkt. Zum einen brauche ich zum Gehen eine Krücke, zum anderen braucht mein Rauhhaardackel, der 15 Jahre treu auf mich aufgepasst hat, seit zwei Monaten mich als treuen Aufpasser.
Ein Schwerpunkt meines Lebens, das Reisen in andere ferne Länder und das wochenlange Sich-Hineinfühlen in fremde Kulturen und Religionen, entfällt nun ganz und schmerzt mich. Es bleibt neben Lesen und Schreiben und der Begegnung mit Menschen das Malen. Seit der Kindheit genieße ich den Umgang mit Farben und Formen, aber auch gegenständliches Malen, das kann eine Blüte sein oder der verrostete Riegel einer verwitterten Stalltür. Beim Malen vergesse ich Raum und Zeit.

Dieses Interview darf unter Angabe der Quelle (Karin Fischer Verlag 2023) verwendet werden.